Achtung, Aufnahme!

 

 


Zeitgeist anno 1959:
Auf kalten Winter folgt Wohlfühljahr


Wir schreiben das Jahr 1959. In Kuba übernehmen die Revolutionäre unter Fidel Castro die Macht, Nikita Chruschtschow reist als erster russischer Staatschef in die USA, um für Entspannung im Kalten Krieg zu werben, und bei einem Flugzeugabsturz  stirbt Rock’n’Roll-Legende Buddy Holly, was Don McClean zu dem Welthit „American Pie“ inspiriert. In Deutschland löst Heinrich Lübke Theodor Heuss als Bundespräsident ab und das Bundeswirtschaftsministerium rechnet „mit einer gesunden und stabilen Weiterentwicklung der deutschen Wirtschaft“. Entsprechend rund läuft es bei Opel: 1958 hat das Unternehmen 315.945 Personen-, Liefer- und Lastwagen produziert, fast 90.000 Einheiten mehr als im Jahr zuvor, rund zwei Drittel davon waren Olympia und Olympia Rekord. Star der Januar/Februar-Ausgabe der Opel Post ist allerdings der Kapitän, auch wenn sich die Redaktion für eine verschneite Idylle als Titelbild entschieden hat. Darüberhinaus atmet die Mitarbeiterzeitung wieder einmal viel Zeitgeist.

 


Furiose Filmaufnahmen:
Der Kapitän in seiner besten Rolle


Über dem Prüffeld: Kameramann und Pilot haben keine leichte Aufgabe. Sie kämpfen mit Windböen, außerdem haben sie  Schwierigkeiten, bei Fahraufnahmen mit dem Kapitän mitzuhalten, da der Helikopter nur 135 km/h schafft.


Werbefilm: Der Opel Kapitän ist der Protagonist.

Vor Ort dabei: Die Opel Post berichtet von den Dreharbeiten.

Für spektakuläre Fahrszenen bietet das Opel-Prüffeld in Rüsselsheim ideale Bedingungen. Gefilmt werden diese allerdings selten. Im Auftrag der Werbeabteilung entsteht nun jedoch ein kinotauglicher Streifen über das Opel-Flaggschiff, den Kapitän – und da soll und muss reichlich „Action“ rein. Video gibt’s damals noch nicht, Drohnen sind ebenfalls noch nicht in Gebrauch. Statt dessen wird noch echtes Zelluloid belichtet und für Aufnahmen aus der Luft muss ein Hubschrauber herhalten, dessen Pilot wahrlich kein leichtes Leben hat. Bis zu 20 Mal muss eine Aufnahme wiederholt werden, ehe der Regisseur zufrieden ist. Zum Schluss gibt’s ein Happy End, wie es sich für einen anständigen Film gehört.

 

↑ VIDEO: Lief ab Februar 1959 in deutschen Lichtspielhäusern.

 


Russischer Automarkt:
„Moskwitsch“ ist nicht für jedermann


Moskau: Eine Weltstadt mit acht Tankstellen.

Wie entwickelt sich eigentlich die Automobilindustrie hinter dem sogenannten „Eisernen Vorhang“? Eine Frage, die vom Westen aus im Jahr 1959 gar nicht so leicht zu beantworten ist. Zu den wenigen, die Einblick ins Geschehen im sowjetischen Weltreich erhalten, zählt Joachim Steinmayr, Moskau-Korrespondent der „Frankfurter Neuen Presse“. Die Opel Post druckt seinen Bericht aus dem Osten ab, und diesem ist Erstaunliches zu entnehmen. In der Acht-Millionen-Metropole Moskau gibt es nur einen einzigen Autohändler und insgesamt lediglich acht Tankstellen. Pro Jahr werden nur 8.000 Pkw an Privatkunden verkauft. Zur Auswahl stehen der „Moskwitsch“ für 25.000 und der „Wolga“ für 40.000 Rubel, doch die Warteliste ist lang. Angaben, wie viele Kraftfahrzeuge tatsächlich in Russland unterwegs sind, verweigert die Zulassungsstelle. Sicher ist, dass Autos in privater Hand die absolute Ausnahme bilden, das Gros der Fahrzeugflotte ist staatseigen. Dabei präsentiert sich das Straßenbild zumindest in Moskau recht lebendig, wie Steinmayr beschreibt. Auf dem Schwarzmarkt werden Gebrauchtwagen zu höheren Preisen als neue gehandelt. Zu seinem Glück jedoch hat der Korrespondent ein eigenes Auto aus dem Westen mitbringen dürfen. Auch für dieses erhält er verlockende Angebote von Schwarzhändlern.

 


Gigantische Erölleitung:
390 Kilometer lange
„stählerne Schlange“


Die in den Boden eingelassenen Rohre werden verschweisst (links). Ein Endpunkt der Pipeline ist eine Raffinerie bei Köln (rechts).


Pipeline-Betrieb: Beim Bau wurden langjährige Erfahrungen aus den USA genutzt.

Sie ist 390 Kilometer lang, 71 Zentimeter breit und pumpt pro Jahr fünf bis sechs Millionen Tonnen Schweröl von Wilhelmshaven ins Ruhrgebiet – 1965 sollen es sogar 20 Millionen Tonnen sein. Die „stählerne Schlange“, eine nach amerikanischem Vorbild gestaltete, gigantische Erdölleitung, hat ihre Arbeit aufgenommen. Gut ein Jahr lang waren insgesamt zehn Baukolonnen im Einsatz, um ein 1,70 Meter tiefes Bett von der Nordsee nach Südwesten zu graben und dort pro Tag etwa zwei Kilometer Rohr hinein zu verlegen. So gelangt nun Erdöl in Massen zu Raffinieren in Köln, Dinslaken, Duisburg, Oberhausen, Gelsenkirchen und Wesseling. Die Pipeline soll aber nicht die einzige bleiben, auch aus Marseille und Rotterdam sollen Trassen ins Ruhrgebiet gelegt werden. „So werden die Pipelines wie die Adern in einem menschlichen Organismus in einigen Jahren den gemeinsamen Markt durchbluten“, prophezeit die Opel Post. Das Wirtschaftswunder ist in vollem Gange – auch unter der Erde.

 


 Und immer dran denken:
Geld verdienen ist gut – sparen ebenso


Das ist Umsicht: Obwohl die Opel-Produktion so rund läuft wie nie zuvor, schließt diese Ausgabe der Opel Post mit einem flammenden Sparappell. Und zitiert die alte Weisheit: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.“ Denn es ergäbe wenig Sinn, sich nur in wirtschaftlichen Krisenzeiten auf diese Wahrheit zu besinnen. „Was als Verlust an Material und Arbeitszeit, an Hilfs- und Betriebsstoffen abgeschrieben wird, kann nicht in die Lohntüten wandern und auch nicht unsere Produkte verbilligen.“ Manche Wahrheiten haben eben bis in alle Ewigkeit Gültigkeit.

 


Hier können Sie die komplette Opel Post-Ausgabe
vom Januar/Februar 1959 herunterladen.

 

 

Januar 2019

Text: Eric Scherer