Bei den Alt-Meistern

Er dauerte viele Jahre, genauer gesagt ganze vier Jahrzehnte. Dann ist er zu Ende gegangen, der Karrieretrubel. Keine wichtigen Projekte mehr, keine hektischen Meetings, kein Kantinenplausch. Schluss, aus, vorbei. Was tun, wenn der letzte Arbeitstag absolviert ist und der neue Abschnitt als Rentner beginnt? Man kann durchatmen und sich erholen. Man kann mit seiner Frau quer durch Kanada reisen, jeden der 5000 Kilometer von Montreal nach Vancouver genießen. „Und dann, als du merkst, dass dir die alten Kollegen fehlen, ruft Friedrich Lohr an, der ehemalige Opel-Entwicklungsvorstand, und sagt: ‚Kümmern Sie sich da jetzt mal drum‘.“

 

OPEL-Pensionärs-Runde

Blick unter die Haube: Ekkehard Giebel, Hans Weidner und Herbert Tesarek begutachten den Einliter-Dreizylinder-Benziner im neuen KARL. Der laufruhige Vollaluminium-Motor senkt in Verbindung den Kraftstoffverbrauch im kombinierten Zyklus auf bis zu 4,3 Liter pro 100 Kilometer und den Kohlendioxid-Ausstoß auf 99 Gramm pro Kilometer.

 

So schildert Horst Müller seinen Weg zur „ITEZ-Pensionärsrunde“. Aktuell besteht die im Jahr 1972 gegründete Gruppe aus 141 ehemaligen Führungskräften, die bis zu ihrem Ausscheiden bei Opel im Internationalen Technischen Entwicklungszentrum tätig waren. Die einstigen Kollegen, manche sind in ihren Sechzigern, bei anderen wird der nächste runde Geburtstag der 90. sein, treffen sich zweimal jährlich. Im März und November heißt die Location „Zum Hirschen“, ein urig-bürgerliches Restaurant am Mainufer in Flörsheim. Und alle zwei Jahre, wenn die IAA ansteht, gehen die Alt-Meister auf die Piste: Auf dem Test Center in Dudenhofen analysieren sie die neuen Motoren und Modelle der Marke.

AKTIVE HALTEN FACHVORTRÄGE
Horst Müller, von 1964 bis 2004 bei Opel, leitet die Runde seit elf Jahren „administrativ“, wie es der 74-Jährige ausdrückt. In der Praxis heißt das zunächst: Termine kommunizieren; per Email oder – bei den zehn Prozent der Nicht-Digitalen – klassisch per Brief und Fax. Hinzu kommt die Abstimmung mit Udo Zuck. Der Technical Lead Engineer aus der Versuchsplanung stellt den ITEZ-Alumnis neue Testfahrzeuge zur Verfügung, hält selbst Technikpräsentationen zu den neuen Produkten und kümmert sich um Referenten, die als aktive Opelaner vor den Ehemaligen Fachvorträge halten.

 

Die ehemaligen ITEZ-Akteure sorgen für einen Nostalgie-Trip, ganz tief in das Innere der Marke Opel.

 

Mal geht es, wenn wie zuletzt Opel-Chef Karl-Thomas Neumann vorbeischaut, um das große Ganze, um Marktlage, Produkte und Unternehmensstrategie. „Vorwiegend geht’s um Technikthemen, also das, was die meisten von uns über Jahre beschäftigt hat und wofür wir noch immer brennen“, sagt Müller. Behandelt werden wegweisende Technologien wie die „Mensch-Computer-Interaktion“ (HMI, Human-Machine Interaction) oder die Antriebe der Zukunft. Jenseits der Referate dreht sich bei der „ITEZ-Pensionärsrunde“ jedoch vieles um das Heute und das Gestern.

VORFREUDE AUF DEN NEUEN ASTRA
Die Gegenwart liefert reichlich Fragen und Diskussionsstoff. Wie geht es dem Unternehmen Opel? Mit welchen Vorzügen punkten der neue Corsa und der KARL im Kleinwagensegment? Und wie kann der neue Astra die Konkurrenz aufmischen? Die Vergangenheit dagegen liefert durch die ehemaligen ITEZ-Akteure einen Nostalgie-Trip, ganz tief in das Innere der Marke mit dem Blitz.

 

Die Abkürzung „FWD“ bedeutete nicht unbedingt „Front Wheel Drive“, sondern meist „Fritz Will Das“, in Anspielung auf Friedrich Lohr, der damals die Entwicklung verantwortete.

 

In eine Zeit, als der frühere Chef-Konstrukteur Karl Stief von der GM-Zentrale den Auftrag erhielt, einen „perfekten Anti-VW“, gemeint war der Käfer, zu entwickeln; und 1962 schließlich der erste Kadett A vom Band fuhr. Oder als in der zweiten Hälfte der Siebzigern, der Zeit von Ascona B und Monza, die Abkürzung „FWD“ nicht unbedingt „Front Wheel Drive“ bedeutete, sondern augenzwingernd „Fritz Will Das“, in Anspielung auf Friedrich Lohr, der damals die Entwicklung verantwortete – und später das Management der Pensionärsrunde an Müller delegierte.

SÜSSHOLZRASPELN IST NICHT IHR DING
Nicht ausgespart werden in den Gesprächen auch die Jahre, in denen das gute Image der Marke Kratzer erhielt. „Das sieht inzwischen ja deutlich besser aus, wir sind im Aufwind“, sagt Erhard Voss, der gemeinsam mit Müller die „ITEZ-Pensionärsrunde“ leitet.

Wenn er von Opel spricht, benutzt Voss die Wir-Form. „Das ist doch klar“, sagt der 64-Jährige. Damals sei man Protagonist des Geschehens gewesen, heute sei man Zeitzeuge. „Die Verbundenheit zum Unternehmen, zu den Produkten und den Menschen dahinter, die ist nach wie vor da, die meisten von uns fühlen so.“

Die Opel Post hat die Männer, die so fühlen, besucht – beim inzwischen 93. Treffen der Pensionärsrunde in Flörsheim. Vier der Teilnehmer stellen wir hier in Kurzporträts vor.

 

HORST MÜLLER, 74: DREI ROSEN UND EIN FAUXPAS

In der ersten Etage des Restaurants „Zum Hirschen“ : Horst Müller blickt auf 40 Jahre bei Opel zurück.

In der ersten Etage des Restaurants „Zum Hirschen“ : Horst Müller blickt auf 40 Jahre bei Opel zurück.


Die wohl charmanteste Form von Bestechung brachte Horst Müllers Eltern dazu, Opel zu fahren. „Herr Reichert, seinerzeit Opel-Händler in Mainz, überreichte meiner Mutter jeweils zu Ostern drei Rosen“, berichtet Horst Müller, damals noch Viertklässler. Mama Müller war beeindruckt und machte die Ansage: „Mir kommt nur noch Opel ins Haus – oder gar nichts.“ Zu Opel kam Horst Müller 1964, direkt nach seinem Elektrotechnikstudium.

Als er am ersten Arbeitstag mit seinem Alfa Romeo Roadster in Rüsselsheim vorfuhr, erläuterten ihm die etablierten Kräfte schnell den Fauxpas. Fortan hielt Müller sich an das Credo seiner Mutter; der Insignia, den er heute fährt, ist das inzwischen 66. Opel-Fahrzeug in der Familie. „Meine spektakulärste Anschaffung war Ende der Sechziger ein GT“, berichtet er. Müller verpasste dem roten Coupé Spurenverbreiterungen, und auch dank eines speziellen Doppelauspuffs musste er an der Zulassungsstelle 300 Mark berappen – weil man den GT als Sonderfahrzeug einstufte.

Beruflich ging es für ihn von Anfang an alles andere als holprig zu. Passend zu seinem damaligen Opel, der GT entstand in Bochum, war Müller dort von 1969 bis 1978 Verbindungsingenieur und betreute den technischen Austausch mit anderen Standorten in Europa. Später, in den Neunzigern, als Leiter der Abteilung Fahrzeugelektrik tüftelte er in einer Task Force unter anderem daran, den hohen Ruhestromverbrauch in den Steuergeräten zu reduzieren – um so die Lebensdauer der Batterien zu verbessern. „Jede Opel-Dekade bietet Stoff für unzählige Anekdoten“, sagt er. „Deshalb freue ich mich auf jedes Treffen mit den Exkollegen.“

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ERHARD VOSS, 64: ERFOLG MIT KATALYSATOR

In der ersten Etage des Restaurants „Zum Hirschen“ : Horst Müller blickt auf 40 Jahre bei Opel zurück.

Erhard Voss war 34 Jahre lang im ITEZ tätig.


Auch bei Erhard Voss setzt die automobile Erinnerung bei einem Autohändler ein. Allerdings kommen darin weder Rosen noch die Mama vor, sondern Papa Franz-Josef. Dieser betrieb im Saarland ein Autohaus. „Er sorgte dafür, dass ich bis heute Benzin im Blut habe.“ Dass Voss bis heute auch Opel im Herzen hat, dafür sorgten 34 Jahre im ITEZ.

Zwar war das erste Fahrzeug von Voss – ähnlich wie bei Horst Müller – kein Opel. Aber den NSU Prinz 3 (die Marke NSU ging später in Audi auf) tauschte der Diplom-Maschinenbauer schnell gegen einen Manta ein. 1978 legte Voss bei Opel los. Sein Spezialgebiet wurde Anfang der Achtziger die Entwicklung des Katalysators. „Uns gelang es schließlich, dass Opel zum ersten europäischen Volumenhersteller avancierte, der den Katalysator serienmäßig einführen konnte.“ Mitte des Jahres 1989 verfügten bereits 19 von 20 verkauften Opel-Benzinern über einen Abgasreiniger.

Zuletzt arbeitete Voss als Director Gasoline Engines. Auch als Rentner sieht er sich als Opel-Mann. Nicht nur, weil in der heimischen Garage ein Mokka, ein ADAM und ein Astra Twin Top stehen. „Durch unser Wissen und Auftreten fungieren wir, die Ehemaligen, im Bekannten- und Freundeskreis als Markenbotschafter.“ Die Menschen interessieren sich laut Voss für Historie und Fahrzeuge von Opel. „Und wir leben die Lust auf die Marke vor.“

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DAVID WEST, 79: UNSER MANN IN ENGLAND

Die Rüsselsheim-Geschichte von Davis West beginnt im Jahr 1977.

Die Rüsselsheim-Geschichte von David West beginnt im Jahr 1977.


Er hat definitiv die längste Anreise zu dem Flörsheimer Rentnertreffen: David West wohnt in einem kleinen Ort in der Grafschaft Oxfordshire, rund 100 Kilometer nordwestlich von London. Seine Rüsselsheim-Geschichte beginnt im Jahr 1977. Damals war Opel gerade dabei, sein Modellprogramm mit der Nomenklatur der Marken Vauxhall und Bedford zu verbinden. Automobil-Ingenieur West reiste aus Luton an, um die Maßnahmen in puncto Technik mitzusteuern.

Der Engländer blieb 30 Jahre auf dem Festland und dabei im Konzern. Zwischenzeitlich verschlug es ihn nach Zürich, wo er für den GM-Konzern unter anderem die Produktstrategie von Saab mitbetreute. Über seine Zeit bei Opel sagt der inzwischen 79-Jährige: „Da war immer dieser familiäre Zusammenhalt der ITEZ-Leute.“ Amüsant fand er in den Achtzigern den allmählichen Übergang von der Siez-Kultur hin zum Duzen im Arbeitsalltag. „Der angelsächsische Einfluss hat sich hier irgendwann durchgesetzt. In diesem Fall finde ich das sehr sinnvoll.“

Zuhause, in der in der Grafschaft Oxfordshire, fahren West und seine Frau Antje einen Corsa und einen Saab 9-5. Den Trip auf den Kontinent bestreiten sie mit dem Flugzeug. David West sagt: „Ich freue mich jedes Mal, endlich wieder die Kollegen und den Main zu sehen.“

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PETER HENDRICH, 63: ZUMINDEST OFFIZIELL IST SCHLUSS

Peter Hendrich war 37 Jahre lang bei Opel beschäftigt.

Peter Hendrich war 37 Jahre lang bei Opel beschäftigt.


Ein Jahr vor David West, heuerte der Maschinenbau-Ingenieur Peter Hendrich im ITEZ an. Sein Fachgebiet wurde der Sitzrohbau. „Was im Monza, im Rekord und im Kadett D verbaut wurde, geht zum Teil auf meine Kappe“, sagt Hendrich heute. Seine letzte Karrierestation war die als Director Interior, ob Lenkrad oder Airbag, Hendrichs Team entwickelte die Komponenten.

„Mein persönliches Highlight war in der zweiten Hälfte der Neunziger die einjährige Teilnahme am Projekt Engineering Business Evolution, EBE genannt“, sagt Hendrich. Die EBE-Gruppe sollte bereichsübergreifend Mittel und Wege finden, wie Opel seine Modell-Entwicklungszeiten verkürzen könnte – auch durch die Nutzung von virtuellen Simulationen. Dafür galt es, mit allen Protagonisten zu sprechen. Vom Werker bis hin zu Louis Hughes, damals President von GM Europe. „In der Zeit lernte ich sehr viel über unser Unternehmen“, sagt Hendrich. Nach 37 Jahren ITEZ, wovon die letzten beiden als passiver Teil der Altersteilzeit verrechnet wurden, war für ihn Schluss. „Zumindest offiziell“, merkt Hendrich an. „Doch wie auch bei den anderen Kollegen greift bei mir eben diese eine bekannte Redewendung: Einmal Opel, immer Opel!“

 

Text: Andreas Wollny; Fotos: Katrin Denkwitz

 

 

KTN und die Ehemaligen
OPEL-Pensionärs-Runde

Karl-Thomas Neumann in Flörsheim.

Genf, Ausstellungs-
Zentrum Palexpo. Detroit, GM-Zentrale. Flörsheim, Restaurant „Zum Hirschen“: Als Lenker eines international agierenden Unternehmens hat man es mit einer unglaublichen Terminvielfalt zu tun. Das geht auch Karl-Thomas Neumann nicht anders, wie dieser März gezeigt hat.

Kurz nach dem Automobil-Salon in Genf und einem Gipfeltreffen in den USA, landete Neumann um 6.30 Uhr in Frankfurt. Und um 10 Uhr posierte er mit den ITEZ-Rentnern für ein Gruppenbild.

Es folgte ein 40-minütiger Impulsvortrag, bei dem Neumann über seine eigene Vita in der Automobilindustrie referierte, über die Situation der Branche im Allgemeinen und die von Opel im Besonderen.

Bei der anschließenden Diskussionsrunde tauschten sich die ehemaligen ITEZ-Führungskräfte mit Neumann zu Punkten wie Produkte und Unternehmensstrategie aus.