Als das Opel Test Center
noch Prüffeld hieß


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Nein, es ist kein Aprilscherz: Vor genau 50 Jahren, dem 1. April 1966, eröffnet Opel sein neues Prüffeld in Rodgau-Dudenhofen – das größte und modernste in Europa, wie die Medien betonen. Klar, dass sich auch die Opel Post in ihrer April-Ausgabe dem 260 Hektar großen Testareal in den Wäldern Südhessens widmet, und zwar sehr ausführlich: Insgesamt acht der 32 Seiten befassen sich mit Eröffnungsfeierlichkeiten, technischer Ausstattung und Hintergrundinformationen zum neuen Prüffeld. Und selbstverständlich entstand auch das Titelbild in Dudenhofen: Es zeigt die damaligen Opel-Beststeller Kadett und Co., wie sie über den neuen, fünf Kilometer langen Rundkurs der Anlage brausen.


 EHRENGÄSTE:
NEUER OPEL-CHEF, REGIERUNGSPRÄSIDENT, GT


 

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Leonard Ralph Mason durchschneidet das weiße Band. Neben ihm steht Opel-Chefingenieur Hans Mersheimer.

 

Es ist seine erste große öffentlichkeitswirksame Tat als Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG: Leonard Ralph Mason ist erst vier Wochen im Amt, als er mit dem Durchschneiden des symbolischen weißen Bandes das Prüffeld seiner Bestimmung übergibt. Zur Seite steht im Opel-Chefingenieur Hans Mersheimer, ranghöchster Ehrengast ist Dr. Günter Wetzel, Regierungspräsident von Darmstadt.

Anschließend zieht die Technik die Blicke der Besucher auf sich. Die meiste Aufmerksamkeit wird keinem der bekannten Opel-Modelle zuteil, sondern einem, das erst in zwei Jahren auf öffentlichen Straßen zu sehen sein wird: Ein GT-Versuchsfahrzeug, ein, so die Opel Post-Redaktion, „Hochleistungslaboratorium auf Rädern“, stiehlt allen anderen Fahrzeugen auf dem Rundkurs die Schau.

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„Hochleistungslaboratorium auf Rädern“: Ein GT-Versuchsfahrzeug auf der Rundbahn.

 


 GEWUSST WIE:
NEUE STRASSEN SCHLECHT BAUEN


Insgesamt 32 Kilometer Straßen sind in die 260 Hektar große Fläche eingebettet – Dauer- und Spezialprüfstrecken, Fahrbahnen mit acht, zwölf, 20 und 30 Prozent Steigungen sowie ein großflächiges Skidpad von 100 Metern Durchmesser. Zunächst werden rund 100 Mitarbeiter unter der Leitung von H.R. Riedrich für die Betreuung und Auswertung der Versuchsfahrten in Dudenhofen verantwortlich zeichnen. Was für eine Herausforderung es war, neue Straßen in bewusst schlechter Qualität zu bauen, um auf ihnen einen bestmöglichen Abnutzungseffekt zu erzielen, beschreibt eine separate, zweiseitige Reportage. „Das Anlegen der Unebenheiten, wie Schlaglöcher, Kuppen, Wannen, Wellen, Beulen usw., nahm sich beim Bau der Asphaltstraßen manchmal aus, als würden wir nicht Straßenbau praktizieren, sondern abstrakte Kunst in Bitumen und Asphalt“, heißt es da.

Und warum ein neues Prüffeld in Rodgau-Dudenhofen? „Die Entwicklung der Technik schreitet mit Riesenschritten voran. Damit werden die Ansprüche an ein Kraftfahrzeug immer größer“, erklären die Opel Post-Redakteure.

„Zudem hat der wirtschaftliche Aufstieg unseres Landes den Traum nach einem eigenem Wagen für erfreulich viele Menschen in kurzer Zeit Wirklichkeit werden lassen, wie sich andererseits der Verkehr auf unseren Straßen in gigantischem Ausmaß entwickelt hat. Der Versuchsbetrieb außerhalb des Rüsselsheimer Prüffeldes wurde deshalb schwieriger und schwieriger, ja schließlich praktisch unmöglich.“


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 IMMER IM BLICK:
MOBILITÄT GESTERN UND HEUTE


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Der Musterreiter, Botschafter des Handels in eisenbahnloser Zeit: Mit dem Mustersack hinter dem Sattel ritt er seine sorgfältig zusammengestellte Tour von Ort zu Ort.

 

 

Auch wenn die Opel Post niemals eine andere Überzeugung vertritt als die, dass nichts die Menschen besser bewegt als ein Opel, gestattet sie sich immer auch mal Blicke auf andere Formen der Mobilität. Ein mit einem „Musterreiter“ hübsch illustrierter Beitrag befasst sich mit dem Treiben auf den Fernstraßen in den Zeiten des Biedermeier zwischen 1815 und 1850, als das Eisenbahnnetz noch am Entstehen war und Distanzen mittels Postkutschen, Fuhrwerken und Schusters Rappen überbrückt wurden.

Außerdem vermeldet die Opel Post die Schließung des Bahnhofs mit der wohl merkwürdigsten Ortsbezeichnung der Welt: „Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch“. Das ist kein Druckfehler, sondern eine 3000-Seelen-Gemeinde im Nordwesten von Wales. Auch der öffentliche Nahverkehr vor Ort ist Thema: Bis zu 9200 Mitarbeiter des Rüsselsheimer Werken pendeln täglich mit Omnibussen an ihren Arbeitsplatz ein, heißt es in der Ausgabe.


AUS DEN WERKEN:
LAUTERN FORMIERT ERSTEN BETRIEBSRAT


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Erste Betriebsversammlung in Kaiserslautern: Paul Lorenz (stehend) während seines Berichts.

 

Die Opel Post blickt regelmäßig in die anderen deutschen Standorte. Aus Bochum gibt es eine Reportage über die Werkzeugabteilung zu lesen, und aus dem gerade eröffneten Werk in Kaiserslautern wird gemeldet, das sich jetzt erstmals ein Betriebsrat vor Ort formiert hat.

Paul Lorenz, der führende Arbeitnehmervertreter aus Rüsselsheim, schreibt den Pfälzern auf ihrer ersten Betriebsversammlung schon mal ins Stammbuch, wer in einem starken Betriebsrat nichts verloren hat: „Politische Freistilringer und Demagogen sind fehl am Platze.“

Breiten Raum widmet die Opel Post dem Nachwuchs. In Rüsselsheim fand am 31. März die Freispechungsfeier für diejenigen statt, die ihre Ausbildung beendet haben. An Ostern wurden 250 neue Lehrlinge begrüßt. Insgesamt bildet der Betrieb seinerzeit 800 junge Menschen aus.


 

 

Hier können Sie die komplette Opel Post-Ausgabe vom April 1966 herunterladen.

 

 

Stand März 2016

Text: Eric Scherer, Fotos: Opel