Wo steht Opel heute,
Herr Lohscheller?

Opel Post: Herr Lohscheller, diese Woche haben Sie ein umfangreiches Abfindungsprogramm für Deutschland verkündet. Warum ist das nötig?

Michael Lohscheller: Wir müssen unsere Struktur- und Arbeitskosten senken, da wir derzeit nicht profitabel sind. Mit unserem Plan PACE! wollen wir Opel in eine sichere Zukunft führen und in der Branche wieder wettbewerbsfähig werden. Ein Teil unserer Arbeit ist es, die Arbeitskosten zu senken. Wir haben bereits damit begonnen, zwei Programme in Deutschland umzusetzen: Altersteilzeit und Vorruhestand. Jetzt haben Geschäftsleitung und Arbeitnehmervertreter im Rahmen der Einigungsstelle mit einem freiwilligen Abfindungsprogramm für Deutschland eine weitere Maßnahme vereinbart.

Von Seiten des Betriebsrats gab es hierzu die Warnung, es dürfte dabei zu keinerlei Druck auf Beschäftigte kommen.
Das angekündigte Abfindungsprogramm ist freiwillig, so wie alle unsere Maßnahmen. Dies ist auch im Einklang mit unserem PACE! Plan. Die Maßnahmen helfen uns, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Wir sind davon überzeugt, dass das freiwillige Abfindungsprogramm eine attraktive Möglichkeit für jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist, die ihre Zukunft außerhalb von Opel gestalten wollen.

Also ausschließlich Kostenreduzierung durch den Abbau von Arbeitsplätzen?
Ganz und gar nicht. Wir drehen vielmehr jeden Stein um und schauen, wo wir dauerhaft effizienter und wettbewerbsfähiger werden können. In den ersten Monaten von PACE! haben wir schon eine ganze Menge erreicht. Das beginnt damit, dass wir unsere Organisation neu aufstellen, um die Synergien innerhalb der Groupe PSA auch wirklich zu nutzen. Unsere Ingenieure sind dabei, die Komplexität unserer Fahrzeuge zu reduzieren, sie konzentrieren sich auf die wirklich wichtigen Kundenoptionen und haben zum Beispiel beim neuen Corsa, der im nächsten Jahr auf den Markt kommt, die Entwicklungskosten um mehr als die Hälfte senken können.

Wie steht es um die Auslastung und die Zukunft des Entwicklungszentrums in Rüsselsheim?
Unser Forschungs- und Entwicklungszentrum in Rüsselsheim erhält eine breite Palette weiterer Verantwortungen für die gesamte Groupe PSA. Zusätzlich zu den bereits bei der Vorstellung des PACE!-Plans im vergangenen November angekündigten Kompetenzzentren werden weitere neun bei uns angesiedelt, zum Beispiel Sitze, manuelle Schaltgetriebe, Rückhaltesysteme, Kraftstoffversorgung oder alle Aktivitäten rund um das Thema elektromagnetische Verträglichkeit. Damit steigt die Zahl der Kompetenzzentren, die hier in Rüsselsheim für die gesamte Groupe PSA verantwortet werden, auf insgesamt 15. Mit dieser Struktur wird die Stellung des Rüsselsheimer Engineerings als zentraler Bestandteil des globalen Forschungs- und Entwicklungsnetzwerkes erheblich gestärkt – auch vor dem Hintergrund abnehmender Arbeitsumfänge für GM.

Michael Lohscheller, Chief Executive Officer (CEO) der Opel Automobile GmbH.

 

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„Mit unserem Plan PACE! wollen wir Opel in eine sichere Zukunft führen und in der Branche wieder wettbewerbsfähig werden.“

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ZUR PERSON

Seit Juni 2017 führt Michael Lohscheller die Opel Automobile GmbH. Zuvor war er seit September 2012 für die Finanzen des Rüsselsheimer Automobilherstellers zuständig. Der Diplom-Kaufmann war vor seinem Eintritt bei Opel bei der Volkswagen Group of America, wo er als Finanzchef einen erfolgreichen Turnaround geleitet hat. Der passionierte Läufer, geboren am 12. November 1968, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

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In die Werke in Spanien, Ungarn, Polen und Österreich wird investiert. Wann erhalten endlich die deutschen Werke Investitionen und Zusagen für Produkte?
Es sollte kein Zweifel über unsere Absicht bestehen, auch in die deutschen Werke zu investieren und dort neue Produkte anzusiedeln. Das haben wir bereits bei der Vorstellung unseres Strategieplans PACE! im November deutlich gemacht. Glauben Sie mir: Es gibt keinen Plan, Deutschland bei den Investitionen auszusparen. Und die Groupe PSA möchte auch im Interesse der deutschen Standorte Investitionen vornehmen. Die Bereitschaft zu investieren zeigt sich auch in der Vergabe von wichtigen Produkten in verschiedene europäische Werke von Opel.

Voraussetzung dafür sind aber wettbewerbsfähige Strukturen.  Wir müssen gemeinsam mit unseren Stakeholdern nachhaltige Businesspläne aufstellen. Mit unseren Sozialpartnern sind wir derzeit in Gesprächen, um die notwendigen Rahmenbedingungen zu erreichen und ich hoffe sehr, dass wir zügig zu positiven Entscheidungen kommen können. Je schneller, desto besser. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Es gibt Spekulationen, dass Sie dabei auch die Tariferhöhung in Deutschland aussetzen wollen. Die IG Metall hat für die Branche ja eine stolze Lohnerhöhung von 4,3 Prozent verhandelt.
Wie bereits wiederholt gesagt: Wir wollen gemeinsam mit unseren Sozialpartnern die Bedingungen für diese Investitionen auch in Deutschland schaffen. Dafür wollen wir die Verhandlungen fortführen, denn der Status quo ist keine Option für ein Unternehmen, das seit nahezu 20 Jahren in Folge Verluste schreibt. Das erfordert bestimmte Anpassungen bestehender Tarifvereinbarungen, die Senkung von Arbeitskosten sowie die Effizienzsteigerung gegenüber unseren Wettbewerbern. Deshalb haben wir bei der IG Metall offiziell beantragt, die Tariferhöhung für die Zeit der Verhandlungen auszusetzen. Opel bekennt sich dennoch zu den bestehenden tariflichen Regelungen.

Schauen wir auf die groß angekündigte Exportoffensive. Welche Rolle spielt die neue Montage von Opel in Namibia?
Schon in diesem Jahr werden Opel-Modelle in einem neuen Werk der Groupe PSA in Namibia montiert. Damit setzen wir unsere Exportoffensive auf Märkten außerhalb Europas weiter fort und profitieren entscheidend von der globalen Aufstellung der Groupe PSA. Die Fertigung in Namibia wird uns deutlich helfen, unsere Präsenz im Süden Afrikas weiter zu stärken. Die Groupe PSA und die Namibia Development Corporation haben hierzu einen Joint Venture-Vertrag unterzeichnet, um Fahrzeuge von Opel und Peugeot in Walvis Bay zu fertigen.

 

 

Kommen weitere Exportmärkte hinzu?
Sie wissen: Die profitablen Verkäufe auf Märkten außerhalb Europas signifikant zu steigern, ist eine der zentralen Säulen unseres Strategieplans PACE!. In Südafrika, Tunesien und Marokko haben wir mit neuen Importeuren bereits die Weichen auf Wachstum gestellt. Die Fertigung von Fahrzeugen in Namibia ist nun ein nächster, wichtiger Schritt. Durch diese lokale Montage können wir unsere Autos in den südafrikanischen Märkten wesentlich wettbewerbsfähiger anbieten. Und auch im Libanon werden wir mit einem neuen Importeur antreten. Der Libanon ist ein Markt im Nahen Osten, der Trends setzt und erhebliches Potenzial für Opel bietet. Die Astra-Modellreihe sowie Crossland X und Grandland X passen perfekt zum Markt. Dort erfolgreich zu sein, ist wichtig für unsere weitere Expansion im Nahen Osten und in Afrika.

Wie zufrieden sind Sie mit der Gesamtsituation?
Ich habe großes Vertrauen in unser Management und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Opel. Ich bin absolut überzeugt, dass wir im Unternehmen selbst die Kraft haben, uns aus der aktuellen Situation heraus positiv zu entwickeln. Aber vor uns liegt noch ein harter Weg. Wir schreiben seit 1999 ununterbrochen Verluste. Wir müssen viele Fehler der Vergangenheit revidieren. Dazu müssen wir unseren Blick jetzt auf die ganz konkrete Tagesarbeit legen, um uns für eine nachhaltige Zukunft aufzustellen. Das heißt zu allererst: Wir müssen uns auf unser Produkt konzentrieren und Autos profitabler verkaufen. Der Start ins Jahr 2018 war durchwachsen,  jetzt müssen wir zulegen. Insgesamt sind wir schon auf einem guten Weg, unsere drei großen Ziele zu erreichen. Opel wird elektrisch, global und profitabel – und zwar ohne betriebsbedingte Kündigungen und ohne Werksschließungen. Ich bin überzeugt, dass mittlerweile jeder verstanden hat, dass der Status quo keine Option mehr sein kann. Die Umsetzung unserer Maßnahmen nimmt daher immer schneller Fahrt auf. Und ich habe keinen Zweifel: Die Mühe und der bisweilen auch harte Weg werden sich lohnen. Wir stellen Opel/Vauxhall nachhaltig auf und machen unser Unternehmen fit für eine erfolgreiche Zukunft.

 

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„Ich bin absolut überzeugt, dass wir im Unternehmen selbst die Kraft haben, uns aus der aktuellen Situation heraus positiv zu entwickeln.“

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Stand März 2018

Fotos: Alex Heimann