Das automobile Atelier

Das Top-Modell von Opel heißt Insignia.
Heute posiert die automobile Schönheit als Aktmodell.

 

 

 

Es ist erstaunlich, wie schnell die unverkennbare Silhouette des Flaggschiffs in den dicken dunklen Strichen deutlich wird. Eine Gruppe von Zeichnern hat sich um den Insignia positioniert und bringt die noch unverhüllten Formen auf Papier. Die Kreativen haben ein gutes Auge, beobachten, identifizieren und sammeln designrelevante Details – erforschen Formen mit dem Medium der Zeichnung.

Bei den Zeichnern handelt es sich um angehende Designer. „Wir kommen von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach“, stellt Konrad Regel sie vor. Er ist Dozent für freies Zeichnen und Visualisierung im Entwurfsprozess. Der Workshop übt die Studenten im Zeichnen dreidimensionaler Formen.

Spot an: Die Insignia-Karosserie präsentiert sich im besten Licht.

Inspiration ist alles: Elschad Abylov schwelgt in Insignia-Formen.

Und warum gerade in der Lackiererei des Rüsselsheimer Werks?

 

„Hier haben wir die optimalen Lichtbedingungen dafür.“ Und natürlich ist das Flaggschiff eine ungemein attraktive Vorlage. Der Dozent Konrad Regel, der jedes Jahr einen Zeichen-Workshop etwa in die Schweizer Berge organisiert, hatte bei Opel angefragt – und prompt eine Zusage erhalten. Fünf Tage lang sind die Studenten auf Exkursion im Rüsselsheimer Werk, nehmen die unterschiedlichsten Motive ins Visier – im Karosseriebau, in der Lackiererei, in der Opel Classic Werkstatt und zum Abschluss in der „Motor World“ im Altwerk.

Mit dem Spot-Repair-Raum dürfen die Kreativen in einen Bereich, der nur den Wenigsten zugänglich ist. In der hell ausgeleuchteten Räumlichkeit werden Insignia-Karossen auf Lackfehler untersucht. Die zahlreichen Reflexe, die die Scheinwerfer auf dem Blech erzeugen, stellen für die Zeichner eine besondere Herausforderung und zugleich einen besonderen Reiz dar. Denn sie korrekt abzubilden, macht den dreidimensionalen Eindruck, den sie auf Papier vermitteln wollen, erst vollkommen.

 


Und in der Classic Werkstatt wartet Designer Erhard Schnell …

 

Designer, die auf Papier zeichnen,
gibt’s die im digitalen Zeitalter überhaupt noch?

 

„Auf Papier zeichnen zu können, zählt immer noch zu den Basics“, betont Dozent Konrad Regel. Es sei wie eine Sprache, die man erlernen muss. Selbst in vollkommen durchdigitalisierten Industrieunternehmen skizzierten die wirklich kreativen Köpfe eine erste Idee erst einmal auf einem Blatt Papier – „daran hat sich nichts geändert.“

 

Kohle war gestern: Die Studenten benutzen Markerstifte der neuesten Generation.

Durchblick: Die Spot-Repair-Kabine ist heute Atelier.

Die einwöchigen Vor-Ort-Workshops haben ihren festen Platz im Vorlesungsplan der Hochschule.

 

Doch die angehenden Designer streben nicht zwangsweise in die Automobilbranche. Die Offenbacher Hochschule für Gestaltung bildet Industrie- und Produktdesigner für diverse Fachrichtungen aus. Erst gegen Ende ihres Studiums spezialisieren sie sich.

Ines Langer etwa hat sich noch nicht entschieden, in welche Richtung ihre berufliche Reise gehen soll. Den Besuch bei Opel genießt sie dennoch sehr. „Für mich ist es wie Nachhause kommen“, erzählt die 33-Jährige. Sie hat vor neun Jahren bei Opel den Beruf der Modellbaumechanikerin erlernt. „Anschließend habe ich

mich für ein HfG-Studium entschieden. Die handwerklichen Fähigkeiten, die ich mir während der Lehre angeeignet habe, haben mir im Studium immer weitergeholfen.“ Nach ihrem Abschluss möchte sie sich eventuell auf den Interior-Bereich von Fahrzeugen spezialisieren. Elschad Abylovs dagegen hat bereits eindeutige Präferenzen. „Autos begeistern mich einfach“, erklärt der 30-Jährige, der aus Aserbaidschan stammt und bereits eine Lehre zum Goldschmied absolviert hat.

Und was sagen die Kollegen der Lackiererei? Denen sind die Gäste willkommen. „Wir haben Plätze ausgesucht, an denen der Produktionsbetrieb nicht gestört wird“, erklärt Ulrich Rohweder vom Kernteam der Lackierei. „Das machen wir gerne. Vielleicht sehen wir den ein oder anderen bald als neuen Kollegen im Design wieder.“ So begeistert, wie Elschad Abylov oder Ines Langer bei der Sache ist, könnte das sehr gut sein.

 

 

Bei Opel gelernt, als Studentin zurückgekehrt: Die angehenden Designerin Ines Langer.

Die HfG Offenbach


Auf eine fast 190-jährige Historie blickt die Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach inzwischen zurück. 1832 als „Handwerkerschule“ gegründet, wurde sie bald zu einer „Kunstgewerbeschule“, in der handwerkliche, künstlerische und theoretische Fächer unterrichtet wurden. 1970 erfolgte die Umwandlung in eine künstlerisch-wissenschaftliche Hochschule des Landes Hessen, die internationales Renommee erlangt. Angewandte und autonome Kunst, digitale Techniken, aber auch analoge Künste wie die Handzeichnung, die Bildhauerei und die Malerei durchdringen und befruchten sich an der Hochschule gegenseitig. Etwa 750 Studenten werden derzeit ausgebildet. Die Zeichnungen, die während der Exkursion bei Opel in Rüsselsheim entstanden sind, sind vom 12. bis 14. Juli 2019 beim sogenannten Rundgang in Offenbach zu sehen.

 

Kunst-Pause: Nebenan läuft die Produktion weiter.

Hunderte Skizzen entstehen: Vom einzelnen Bauteil bis zum fertigen Fahrzeug.

 

 

Abfahrt: Ulrich Rohweder vom Kernteam der Lackiererei begleitet die Gäste.


März 2019

Text: Eric Scherer; Fotos: Alex Heimann, Rudolf Mehlhaff