Bestens in Schuss

Ein Sonntagmorgen am Schießstand der Tell Haßloch. In einer speziellen Sportschützenkleidung gekleidet, stopft Walter Massing mit einem Ladestock Schwarzpulver, Leinenpflaster und eine Bleikugel in einen historischen Vorderlader. Für den Fotografen der Opel Post bedient der Sportschütze ein Vorderladergewehr mit Luntenmechanismus. Es in Aktion zu erleben, ist eine Augenweide und gibt ihm die Gelegenheit zu erklären, woher die Redewendung „Lunte riechen“ kommt: „Glimmt die Luntenschnur, verströmt sie erst einmal einen unverwechselbaren Duft, ehe es zum großen Knall kommt.“

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Schießen ist in
Rüsselsheim Nationalsport.

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Der Sportschütze Walter Massing arbeitet im Prototypenbau des Rüsselsheimer Engineering Centers von Global Propulsion Systems. Mit den Opel-Kollegen Thomas Lache, Key Account Manager im Aftersales, und Andreas Dindorf, Direktor für Vorschriften und Zertifizierung, verbindet ihn eine ganz spezielle Faszination für Präzision, Geschwindigkeit und Technik. Die drei Mitarbeiter haben sich in ihrer Freizeit dem Schießen mit historischen Vorderladern verschrieben, wie sie schon im sportlichen Wettbewerb zwischen dem 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert bei den Sportschützen in Gebrauch waren. Und das mit Erfolg. Für den Schützenverein  Tell 1910 Haßloch wollen Massing und Co. in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge die Deutsche Meisterschaft in der Teamwertung mit Steinschlossgewehren gewinnen.

 

Im Fadenkreuz Andreas Dindorf vor einer Zielscheibe für die 50- und 100-Meter-Entfernungen. Seit vergangenem Jahr hält er mit 147 von 150 Ringen den deutschen Rekord in der Disziplin Steinschloss.


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Koryphäen im Schützensport Die Kollegen Thomas Lache, Walter Massing und Andreas Dindorf (von links).


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Volle Ladung Thomas Lache beim „Stopfen“, dem wesentlichen Merkmal des Vorderladerschießens. Für ein möglichst klares Zielbild verwendet er eine spezielle Brille.

Was wie ein ausgefallenes Hobby klingt, ist in der Opel-Stadt Rüsselheim seit langem Nationalsport. Auch Adam Opel war Mitglied in einem der lokalen Schützenvereine, dem SV 1862 Rüsselsheim. Noch heute sind viele Opelaner bei den „1862ern“ aktiv. Während in 2009 der Schützenverein Tell 1910 Haßloch Deutscher Meister im Schießen in der Disziplin „Perkussionspistole“ wurde, holten im Jahr darauf die Nachbarn vom SV 1862 den Titel: „Das hatte es noch nie gegeben, dass zwei Vereine aus derselben Stadt sich als Deutsche Meister ablösen“, sagt Thomas Lache stolz.

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Der große Knall
kommt zum Schluss.

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Das Schießen mit dem rund sieben Kilogramm schweren Steinschlossgewehr ist eine wahre Kunst, berichtet Andreas Dindorf. Körperliche Fitness sei genauso gefragt wie eine ruhige Hand. „Zunächst erfordert der Ladevorgang ein feines Gespür für das richtige Maß und den richtigen Druck. Das Zielen stellt hohe Ansprüche an Konzentrationsvermögen und Ausdauerkraft.“ Und nach dem Schuss muss das Gewehr immer wieder sorgfältig und zeitaufwendig gereinigt werden, bevor es für den nächsten Schuss geladen werden kann. Daher haben die Schützen bei nationalen Meisterschaften für ihre 15 Wettkampschüsse 40 Minuten Zeit.

 


Vorderladerschießen

Der Vorderlader ist eine ursprüngliche Form der Feuerwaffe. Treibladung und Projektil werden über die Mündung des Laufes gestopft. Das hintere Ende des Laufes ist fest verschlossen bis auf ein kleines Zündloch durch das mittels einer Lunte (Luntenschloss), einem Feuerstein (Steinschloss) oder Zündhütchen (Perkussionswaffe) ein Funke oder Feuerstrahl erzeugt wird, der die Treibladung zündet. Die Vorderlader-Sportschützen Thomas Lache und Andreas Dindorf sind auf nationaler Ebene in den Disziplinen Steinschloss- und Perkussionsgewehr aktiv, Walter Massing zusätzlich auf internationaler Ebene in der Disziplin Luntenschlossmuskete. Gemeinsam treten sie im Juni für den Schützenverein Tell 1910 Haßloch bei der Deutschen Meisterschaft in der Teamwertung in der Disziplin Steinschlossgewehr an – als Titelverteidiger.
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So funktioniert der Auslösemechanismus einer Steinschlosswaffe: Der Feuerstein – er ist im Schlaghahn befestigt – trifft auf eine metallene Schlagfläche. Dabei entsteht heißer Metallspan, der zunächst die lose Zündladung entfacht. Über einen Zündkanal erreicht der Funke mit einer zeitlichen Verzögerung die Hauptladung im Lauf.


Wenn während des Wettkampfes Wind und Wetter Kapriolen schlagen, gerät der Schütze unter Zeitdruck, berichtet Walter Massing. Einmal blieben ihm bei einer deutschen Meisterschaft mit dem Steinschlossgewehr nur noch sechs Minuten Zeit, um fünf Schüsse abzugeben. „Irgendwie schaffte ich es, mit rasender Geschwindigkeit zu laden, zu schießen – und zu treffen: 49 Ringe von 50 möglichen.“ Es sind Leistungen wie diese, die Massing zu einer lebenden Legende im deutschen Schießsport gemacht haben. Alle seine Titel und Auszeichnungen aufzulisten, würde Seiten füllen.

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„Wir schießen mit Originalwaffen
oder originalgetreuen Replikas.“

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Um auf Topniveau zu treffen, muss vor allen Dingen geübt werden. „Wir schießen mit Originalwaffen oder originalgetreuen Replikas“, erklärt Thomas Lache. Ab März sind die drei Meisterschützen fast an jedem Wochenende unterwegs, denn das Schießen mit historischen Waffen lässt nur in wärmeren Jahreszeiten Rekorde zu: So auch im Juli vergangenen Jahres, als Andreas Dindorf mit dem Steinschlossgewehr den deutschen Rekord um einen Ring auf 147 Ringe von 150 steigern konnte.

 

Goldjunge Walter Massing gewann national und international unzählige Titel und hält mehrere Weltrekorde. Seit 1993 ist er Mitglied im deutschen Vorderlader-Nationalkader.


TÜV-geprüft Vor dem Wettbewerb werden die Waffen geprüft und bekommen eine Prüfmarke.

Im Juli steht die Deutsche Meisterschaft in Pforzheim an. Ein weiterer Saisonhöhepunkt wird die Europameisterschaft im spanischen Granada sein, für die sich Massing im Mai dieses Jahres qualifizieren will. „Mit 57 wird’s langsam schwierig, Topergebnisse zu erzielen“, sagt er. „Ich bin selbst mal gespannt, wie lange ich das Niveau noch halten kann.“ Seine Vereinskameraden sind da zuversichtlich: „Der Walter hat einen Vorteil – er muss niemandem mehr etwas beweisen.“

 

 

Stand April 2017

Text: Eric Scherer, Fotos: Alex Heimann