„In der Garage aufgewachsen“

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Opel-Ingenieur Andreas Liljekvist

„Eigentlich bin ich den ganzen Winter bei Testfahrten zumeist in Lappland“, sagt Opel-Ingenieur Andreas Liljekvist, während er Ende Februar an seinem Schreibtisch im Rüsselsheimer ITEZ sitzt. Dort findet man wenige Utensilien, die aber viel über ihn verraten. Links ruhen die Kupplungen der ersten und zweiten Insignia-Generation, an der Wand darüber hängt ein XXL-Kalender, versehen mit langen schwarzen Linien und Einträgen wie Trollhättan, Arjeplog oder Corvara. „Die Testfahrten für die Insignia-Allradsysteme fanden in Nordschweden und den verschneiten Alpen statt“, erklärt Liljekvist die Kalendereinträge. Einer seiner Computerbildschirme zeigt zahlreiche farbige, übereinander liegende Graphen. Neben dem zweiten Monitor erzählen Fotos von dem privaten Andreas: Aufnahmen aus seiner schwedischen Heimat, von Motocross-Rennen, von seiner Familie.


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Liljekvist: „Die meisten Tests fahren wir auf Schnee, weil dieser das Auto am Stärksten herausfordert.“


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Unterwegs auf Testfahrt in Schweden …

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… und in Australien.

 

Seit 2010 arbeitet Liljekvist als Entwicklungsingenieur bei Opel. Der 40-Jährige testet Allrad- und Chassis-Control-Systeme, bis diese perfekt funktionieren und serienreif sind. Aktuell bietet Opel Allrad im Mokka X und beim Insignia an. Das neue Flaggschiff hat ein zudem FlexRide-Fahrwerk mit aktiven Stoßdämpfern und kommt als erster Opel mit einem Twinster-Allradantrieb samt Torque Vectoring auf den Markt – getestet und mitentwickelt von Andreas Liljekvist. Etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt der Motorsport-Fan auf Versuchsstrecken. Hunderttausende Kilometer spult der studierte Fahrzeugtechniker jedes Jahr auf verschiedenen Untergründen ab: Auf Eis, Schnee, Schotter, Sand und Asphalt.


Arbeitsplatz hinterm Lenkrad

„Die meisten Tests fahren wir auf Schnee, weil dieser das Auto am Stärksten herausfordert. Für 4×4-Systeme sind diese Testfahrten besonders wichtig“, erklärt Liljekvist und damit quasi nachträglich, warum er heute eher zufällig in Rüsselsheim ist. „Zwischen Anfang Dezember und Ende März bin ich fast durchgehend bei Testfahrten. Ansonsten plane und analysiere ich die Tests oder bin auf Schotter- und Asphaltstrecken unterwegs.“


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Feintuning im Test Center Dudenhofen: Liljekvist knüpft sich unter anderem die unterschiedlichen Chassis- und Antriebseinstellungen – „Standard“, „Tour“ und „Sport“ – des Insignia Grand Sport vor.


Ehe Liljekvist die Analysen durchführen kann, müssen die Autos und Prototypen mit Messsystemen ausgerüstet werden, um beispielsweise die Kraft an der Antriebswelle zu erfassen. „Die Messdaten von Drehzahl, Drehmoment oder Signale der Chassis-Control-Systeme sieht man dann hier in den Graphen“, erklärt Liljekvist und zeigt auf seinen Bildschirm. „So erkenne ich, ob, wann und wie das Auto meine Befehle umsetzt. Wann greift das ABS ein? Wie funktioniert der komplette Allradantrieb? Wie viel Traktion haben die einzelnen Räder?“

Der ewige Test-Kreislauf

Und so entsteht ein ewiger Kreislauf: Liljekvist tunt, testet und analysiert die neuen Systeme, bis sie an ihre Grenzen stoßen und trotzdem wie gewünscht fun

 

ktionieren. „Wenn ein Fehler oder eine Störung auftritt, müssen wir die Software direkt neu tunen oder austauschen“, erläutert Liljekvist weiter. „Daher führen wir die Tests meistens mehrere Wochen am gleichen Ort durch.“

 

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Wie viel Traktion haben die einzelnen Räder auf Asphalt? Antworten darauf geben auch die extremen Belastungen in Dudenhofen.

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Runde um Runde: Andreas Liljekvist im Einsatz im Test Center Dudenhofen.


Torque Vectoring

Der neue Insignia bekommt einen Twinster-Allradantrieb mit integriertem Torque Vectoring. Hierbei ersetzen zwei Lamellenkupplungen an der Hinterachse das konventionelle Differenzial. Die Antriebskraft wird somit in Sekundenbruchteilen individuell an jedes Hinterrad geleitet. Diese radindividuelle Verteilung des anstehenden Antriebsmoments sorgt für beste Traktion und Beschleunigung und verhindert den Leistungsverlust eines durchdrehenden Rades. So wandert in der Regel der höhere Kraftanteil zum kurvenäußeren Rad, das Fahrzeug stabilisiert sich. Zudem lenkt der Insignia präziser in die Kurve ein und reagiert direkter auf Fahrbefehle.

Bremsenbasiertes System

Twinster mit Doppel-Lamellenkupplung


„Gutes Gefühl auf der Straße“

Das Rezept des Skandinaviers klingt einfach und kompliziert zugleich: „Du brauchst immer ein gutes Gefühl auf der Straße. Ich will mit meinem Körper spüren, dass das Auto so fährt, wie ich es möchte. Dafür muss ich vorher wissen, wie wir das Auto abstimmen wollen: Zum Beispiel wie viel Torque Vectoring, wie viel Drehmoment? Wollen wir eine sportliche oder neutrale Fahrweise und was ist die Opel-Philosophie?“, fragt Liljekvist, lässt den Blick aus dem Fenster schweifen und liefert die Antwort zwei Atemzüge später, „es gibt da viele Möglichkeiten. Aber erst wenn das Tuning perfekt ist, geben wir die Freigabe.“ Wie es aussieht, wenn „das Tuning perfekt“ ist und das Torque Vectoring auf Hochtouren kommt, zeigt Liljekvist im Video.


 

Im Video: So sieht perfektes Tuning aus


„Der Twinster-Antrieb verteilt bis zu 60 Prozent der Kraft auf die Hinterräder und gibt dem Insignia eine bessere Traktion und mehr Grip in den Kurven. Dieser Allradantrieb ist einzigartig im Insignia-Segment und darauf sind wir sehr stolz.“

– Andreas Liljekvist –

 


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Am Arbeitsplatz im ITEZ: Hier findet man Utensilien, die viel über Opel-Ingenieur Andreas Liljekvist verraten. Zu sehen sind unter anderem Kupplungen der ersten und zweiten Insignia-Generation, Familienbilder und ein Reisefahrplan für die Tests mit dem neuen Flaggschiff.


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Lotet auch im Motocross die Grenzen aus: Andreas Liljekvist auf seiner Yamaha YZF 250.

 

Die Leidenschaft für akribisches Tüfteln, hohe Geschwindigkeiten und das Austesten von Grenzen wurde Liljekvist quasi in die Wiege gelegt. „Mein Papa hat mich schon im Alter von drei Jahren mit zum Motocross genommen. Wenig später hab ich mein eigenes Bike bekommen und nach der Schule immer daran herumgeschraubt. Ich bin quasi in der Garage aufgewachsen“, grinst Liljekvist.

Aufgewachsen in der Garage

Auch heute sitzt der Schwede noch gerne auf seinem Bike – inzwischen einer Yamaha YZF 250. „Wenn es zeitlich passt, fahre ich einmal pro Woche. Manchmal in Schweden, meistens hier in der Region. Auch in Deutschland gibt es einige gute Pisten“, sagt Liljekvist und deutet auf eine Landkarte, auf der er die umliegenden Motocross-Strecken markiert hat. Auch sonst fühlt sich nach sieben Jahren sehr wohl in seiner neuen Heimat: „Ich liebe Deutschland genauso sehr wie Schweden. Beide Länder sind sich sehr ähnlich, so weit sind sie ja nicht voneinander entfernt. Aber einen großen Unterschied gibt es: Das Wetter ist in Deutschland deutlich besser.“


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Feierabend in Skandinavien: Der neue Insignia war bis zum Sonnenuntergang im Testeinsatz.


Stand April 2017

Text: Maximilian Köhling; Fotos: Maximilian Köhling, privat; Video: Opel