Tetris im Opel-Flaggschiff

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„Der Insignia Sports Tourer hat einen wettbewerbsfähigen Kofferraum und ein einzigartiges Design, das sofort ins Auge sticht.“

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In einem Regal hinter Silke Öhlmanns Schreibtisch steht exemplarisch das wohl wichtigste Utensil ihrer Arbeit. Es ist ein Holzklotz, ungefähr so groß wie eine Milchpackung. „Ungefähr“ ist hier aber nur die halbe Wahrheit. Die Holzquader werden dazu genutzt, das maximale Ladevolumen zu ermitteln, „daher sind die Stücke auch exakt genormt“, erklärt die Ingenieurin. Seit sechs Jahren arbeitet sie als Subject Matter Expert Trunk/Cargo im Bereich Architecture & Vehicle Configuration und ermittelt das Fassungsvermögen der Opel-Modelle – im Fachjargon als „Auslitern“ bekannt.


„Hochstaplerin“: Öhlmann ordnet die Messquader möglichst platzsparend im Laderaum des Insignia Sports Tourer.


Große Klappe, viel dahinter: Der Laderaum des Opel-Flaggschiffs schluckt stolze 1.665 Liter.

 

 

Der Weg zu diesem Job war allerdings eher dem Zufall geschuldet. Nach der Familienpause hatte die gelernte Kartographie-Ingenieurin zunächst in einem Ingenieurbüro gearbeitet, das fast ausschließlich für Opel tätig war. „Mit Autos hatte ich in meinem ursprünglichen Beruf allerdings nichts zu tun. Technisches Zeichnen und räumliches Denken waren dort aber gefragt und so bin ich langsam in die Automobilbranche reingewachsen.“ Statt mit Landschaftskarten arbeitet Öhlmann heute also mit der „Opel-Topographie“ – wo das Interieur der Modelle im übertragenen Sinne die Täler und Gebirge darstellt.

 

Vom Richtwert zum Zielwert

 

„Das physische Auslitern ist allerdings erst der letzte Schritt am Ende eines langen Prozesses“, erklärt Öhlmann, deren Arbeit immer parallel mit der Entwicklung eines neuen Autos beginnt. „Nachdem entschieden war, dass es den Insignia in der Kombi-Variante geben wird, haben wir zunächst Laderäume anderer Fahrzeuge im Segment recherchiert und uns am Volumen des Vorgängermodells orientiert, um einen ersten Richtwert zu erhalten.“


Doch auch die Ideen der Opel-Designer und -Ingenieure ließ Öhlmann in ihre ersten Berechnungen einfließen. „Wir wollten beim Insignia Sports Tourer das ideale Verhältnis zwischen Design, Laderaum-Volumen und Nutzen finden“, erklärt die Ingenieurin den anspruchsvollen Balanceakt beim Opel-Flaggschiff. „In Absprache mit den Marketing-Kollegen ergab sich ein genauerer Wert. Und später, als die ersten Design-Entwürfe vorlagen, haben wir uns dann auf einen endgültigen Zielwert festgelegt.“

 

Berechnungen am Computer,
„Tetris“ in der Realität

 

Während die Kollegen die Kombi-Variante des Opel-Flaggschiffs weiterentwickelten, behielt Öhlmann diesen Zielwert immer im Auge. Sie hörte die Ideen der Ingenieure, bewertete Styling-Entwürfe der Designer und legte ihr Veto ein, wenn das gesteckte Ziel hätte gefährdet werden können.

So vergingen drei Jahre, bis das Auslitern des Insignia-Prototyps beginnen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Öhlmann die Berechnungen ausschließlich mithilfe einer Computer-Software erstellt. „Sobald geeignete Prototypen verfügbar sind, werden diese dann mit möglichst vielen Messquadern befüllt. Das ist wie Tetris mit Holzklötzchen.“

Neben der Bestimmung am realen Automobil spielt die virtuelle Beladung im CAD-System eine wichtige Rolle beim Auslitern – vor allem bis der erste Prototyp existiert.


Teamwork: Als Kolonnenführer koordiniert Arno Lang in der Werkstatt die Kollegen, die das von Silke Öhlmann konzipierte Auslitern letztlich durchführen.


„Tetris mit Holzklötzchen“: Beim Einräumen der genormten Messquader will jeder Liter wohlüberlegt gesetzt sein.

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Die Angabe des Kofferraumvolumens in Katalogen erfolgt gemäß den Normen ISO 3832 und DIN 70020 in Litern. Als zulässiges Messmittel erlauben die Normen ausschließlich die Verwendung genormter Messquader mit dem Volumen von einem, vier oder acht Liter sowie genau definierten Kantenlängen und -radien. Die maximal mögliche Anzahl solcher Quader, die ohne Verformung im Gepäckraum platziert werden können, ergibt dann das Fassungsvermögen.

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Rund zehn Monate vor dem Start der Sports Tourer-Serienproduktion war die Zeit für „Tetris“ gekommen. Ähnlich wie bei dem Computerspiel-Klassiker stapelten zwei Mitarbeiter aus der Werkstatt im K 40 die Holzquader bis unter das Dach des knapp fünf Meter langen Prototyps.

Damit die Angaben vergleichbar und genormt sind, schreibt der Verband der deutschen Automobilwirtschaft (VDA) hier eine einheitliche Messmethode mit klar definierten Regeln vor: Beim Befüllen des Laderaums dürfen ausschließlich genormte Messquader verwendet werden, die kleinsten haben eine Kantenlänge von 200x100x50 Millimetern und einen Kantenradius von maximal zehn Millimetern und ergeben somit einen Liter.

 

Zwei Kollegen – zwei Durchgänge

 

„Wie bei jedem Fahrzeug gab es auch beim Insignia Sports Tourer zwei Durchgänge“, erklärt Kolonnenführer Arno Lang, der vier Kollegen für das physische Auslitern der Opel-Modelle koordiniert. „Zunächst reicht einer an und der andere setzt die Quader, danach läuft es andersherum. Da jeder Mitarbeiter eine andere Vorgehensweise beim Einräumen hat, kann ein Versatz von wenigen Millimetern letztlich einen Unterschied von mehreren Litern bedeuten.“

Und gerade weil die Position jedes einzelnen Klötzchens wohlüberlegt sein will, dauerte es beim Insignia Sports Tourer rund acht Stunden, bis alle Quader ein- und wieder ausgeräumt waren.

 

 


Nur ganze Messquader zählen

 

Wie bei der Quaderform gelten auch beim Beladen gewisse Regeln, wie Öhlmann erklärt: „Zum Laderaum zählt alles, was hinter die Vordersitze passt. Die Sitze müssen dabei in der sogenannten ‚Design-Position’ stehen, also mit einer moderaten Neigung und nicht zu weit vorne. Neben dem Kofferraum dürfen wir alle Fächer und Ablagen befüllen, die sich ohne Werkzeug öffnen lassen.“ Daher flossen beim Opel-Flaggschiff auch Volumina unter dem Laderaumboden, wo gewöhnlich der Ersatzreifen verstaut ist, in die Rechnung ein. „Aber auch hier zählten natürlich nur ganze Messquader, andere Einheiten dürfen wir nicht verwenden.“

 

Turmbau zu Opel: Die Ein-Liter-Messquader stapeln sich bis zum (Dach-)Himmel des Insignia Sports Tourer – zumindest in dieser Perspektive.


 

Voll beladen: Am Ende des Ausliterns stapeln sich die Holzquader hinter den Vordersitzen des Insignia Sports Tourer.

Klappe zu: Die Holzklötze reichen bis unter das Dach des Flaggschiff-Prototyps.

Nach dem physischen Auslitern hat Öhlmann die Ergebnisse mit den Berechnungen der Software verglichen und ermittelte einen Durchschnittswert von 1.665 Litern. Diesen teilte sie dann ihren Marketing-Kollegen mit, die den Wert wiederum in die Preislisten und Verkaufsprospekte einpflegten.

 

„Wir haben unser Ziel erreicht“

 

„Generell habe ich mit dem Modell erst wieder zu tun, wenn es ein Facelift geben sollte“, so Öhlmann, die mit dem Insignia-Ergebnis zufrieden ist: „Unter dem Strich haben wir unser Ziel erreicht – der Sports Tourer hat einen wettbewerbsfähigen Kofferraum und ein einzigartiges Design, das sofort ins Auge sticht.“

Beim „Tetris mit Holzklötzchen“ hat Öhlmann längst das – um im Bild zu bleiben – nächste Level erreicht. Denn wie bei dem puzzleartigen Spiel ratsam, denkt sie immer einige Schritte voraus – und bereitet schon heute die Opel-Modelle von morgen fürs Auslitern vor.

 


April 2018

Text: Maximilian Köhling, Fotos: Alex Heimann, Opel