Frisch aus dem Eisfach

„Spaß an meiner Arbeit habe ich auch nach fast drei Jahrzehnten noch.“

Mit über 100 km/h über einen zugefrorenen See jagen, anschließend auf einem anspruchsvollen Handlingskurs ausprobieren, was ASB, ESP und Traktionskontrolle auf Eis und Schnee in engen Kurven leisten. Das Ganze in einem nagelneuen Opel, den noch niemand sonst gefahren hat – das alles klingt nach der Art von Testfahrt, von der jeder Ingenieur träumt, wenn er sich für einen Job in der Automobilentwicklung entscheidet.

Gunnar Nees gehört zu jenem elitären Kreis, für den sich solche Visionen sogar regelmäßig erfüllen, und das schon seit 1992. Nach 27 Jahren muss doch selbst das größte Vergnügen längst Routine geworden sein, oder? „Spaß an meiner Arbeit habe ich auch nach fast drei Jahrzehnten noch“, versichert der 56-Jährige. Und das gelte auch bei 30 Grad minus.


↑ VIDEO: Der neue Opel Corsa – Testen am Polarkreis


Obenauf: Der neue Corsa bei den Testfahrten in Arjeplog, das statistisch gesehen nur zwischen April und Oktober positive Temperaturen kennt.

Eingelenkt: Marvin Glombiowski, Opel Test-Ingenieur im Bereich Chassis-Regelsystem-Entwicklung, am Steuer des Corsa-Prototyps.

Zahlen, bitte

20.000 Rentiere, 2.500 Elche,
25 Bären und 3.400 Menschen leben in Arjeplog.

Willkommen in Arjeplog, dem „Tiefkühlfach Europas“, wie das Reisemagazin „Merian“ den Ort in Schweden mal nannte. Die Gemarkung am Rande des nördlichen Polarkreises erstreckt sich über 13.000 Quadratkilometer, darauf befinden sich insgesamt 8.727 Seen und Gewässer, die in der kalten Jahreszeit komplett zugefroren sind. 20.000 Rentiere, 2.500 Elche und 25 Bären wurden in der Region zuletzt gezählt, 3.400 Menschen leben hier.

Dazu gesellen sich jeden Winter etwa 1.000 Autotester aus 16 Ländern, um hier Fahrzeugkomponenten im Auftrag von 50 Unternehmen zu testen. Besonders die Klassiker unter den Fahrerassistenzsystemen stehen dabei im Fokus: Das Anti-Blockier-System (ABS), welches dafür sorgt, dass ein Fahrzeug beim Bremsen auf Schnee und Eis nicht ausbricht, die Traktionskontrolle, die ein Auto auch bei schnell wechselnden Untergründen in der Spur hält sowie das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP), das ein Ausbrechen in Kurven so weit wie möglich verhindert.

Analyse: Marvin Glombiowski und Gunnar Nees (von links) kontrollieren die Messwerte vorangegangener Testfahrten.

Der neue Corsa

Verglichen mit seinem Vorgänger ist der neue Corsa bis zu 108 Kilogramm leichter – eine Einsparung von rund zehn Prozent bei vergleichbaren 4,06 Metern Länge.
Der Fünftürer wird ohne Fahrer lediglich 980 Kilogramm wiegen. Diese Gewichtsreduzierung ist gerade bei einem Kleinwagen ein außerordentlicher Entwicklungserfolg.

Im Warmen: Während die Temperaturen draußen oft 30 Grad unter dem Gefrierpunkt liegen, setzen Nees und Glombiowski (von links) ihre Arbeit in der beheizten Garage fort.

 

Die Funktionsfähigkeit der elektronischen Helfer kann nur im kompletten Fahrzeug und unter realen Umständen getestet werden. Daher hat Arjeplog auch seinen festen Platz im Arbeitsjahr von Gunnar Nees und seinen Kollegen: Egal ob auf Eis, Schnee, Schneematsch, Asphalt, bei teilweise völlig unterschiedlichen Reibwerten für die linken und die rechten Räder – die Regelsysteme müssen immer zuverlässig funktionieren. Die Ingenieure aus dem Bereich Chassis-Regelsystem-Entwicklung gehen bei der Feinkalibrierung bis ins kleinste Detail, sodass der neue Corsa ein hohes Maß an Sicherheit, Komfort sowie Fahrdynamik bietet.

 

Neuer Corsa besticht durch Leichtigkeit

Als 18-Jähriger hatte Nees seine Führerscheinprüfung bestanden. Das war 1981. Ein Jahr später kam der erste Opel Corsa auf den Markt. Weitere 37 Jahre später, im Januar und März 2019 hat Nees jeweils zwei Wochen lang das ABS, ESP und die Traktionskontrolle der sechsten Corsa-Generation unter die Lupe genommen, die im kommenden Herbst auf den Markt kommen wird.

Der Neue besticht vor allem durch enorme Leichtigkeit. Verglichen mit seinem Vorgänger hat der Corsa F bis zu 108 Kilogramm abgespeckt, ohne dass sich etwas an den Abmessungen geändert hätte. Die Gewichtsreduktion erzielten die Entwickler beispielsweise durch den Einsatz neuer Aluminium-Motoren sowie der Verwendung einer optimierten Sitzstruktur und hochfester Leichtbaustähle in der gesamten Rohkarosserie.

Eis und Asphalt: Durch Anfahrtests auf unterschiedlichem Untergrund optimieren Nees und Co. die Traktionskontrolle.

„Manchmal haut es einen schon mal aus der Spur –  allerdings nicht so oft, wie viele glauben.“

Sein reduziertes Gewicht bewahrt den automobilen Athleten aber natürlich nicht vor den obligatorischen, gewissenhaft durchgeführten Testfahrten auf Schnee und Eis. Gunnar Nees geht es dabei vor allem darum, „die richtige Balance zwischen Stabilität und zügigem Vorwärtskommen“ zu finden: Die Opel-DNA soll schließlich erlebbar sein.

 

Bei minus 40 Grad geht’s in die Halle

Klar, dass bei den Versuchsfahrten auch die Grenzen ausgetestet werden müssen. „Dabei haut es einen schon mal aus der Spur“, räumt Nees ein, „allerdings nicht so oft, wie viele glauben.“ Auf den Pisten von Arjeplog seien die Folgen auch nicht so dramatisch wie auf den Teststrecken des Nürburgrings. „Da gräbt man sich halt mal in einen Schneewall – und kommt unter Umständen alleine nicht mehr raus.“ Das Fahren auf Schnee und Eis sei schon eine Kunst für sich.

Für die Arbeit bei Temperaturen weit jenseits des Gefrierpunkts sind auf jeden Fall Schuhe mit dicken Sohlen zu empfehlen. Und wenn das Quecksilber auf Werte von minus 40 Grad fällt, arbeiten die Tester in der beheizten Halle. Wenn es bei klirrender Kälte trocken und sonnig ist, sei die Arbeit jedenfalls angenehmer als zur gleichen Zeit im nasskalten oder trüben Rüsselsheim, so Nees.

Mächtig Schnee aufgewirbelt: Das getarnte Vorserienfahrzeug jagt über die schneebedeckten Teststrecken von Arjeplog.

„Früher war’s schlimmer, als Fernsehen, Telefon und Internet da oben im Norden noch nicht so angekommen waren.“

Allerdings: Die Sonne sehen die Tester zum Jahreswechsel nicht wirklich lange: Die Morgendämmerung dauert bis morgens um zehn – und ab 14 Uhr wird es schon wieder dunkel.

Kommt in der eisigen Einsamkeit nach Feierabend bisweilen ein Lagerkoller auf? „I wo“, sagt Nees und schüttelt den Kopf. „Früher war’s schlimmer, als Fernsehen, Telefon und Internet da oben im Norden noch nicht so angekommen waren.“ Heute aber sei man im Hotel gut versorgt. Und wer nochmal Sport an der frischen Luft machen wolle, der könne etwa von Flutlicht bestrahlte Langlaufloipen nutzen.

 

Rentierblut oder doch fermentierter Fisch?

Die örtlichen Restaurants bieten derweil Lachs und weitere stets frische Fischarten an, oder auch Rentierfleisch. „Aber das ist nicht jedermanns Geschmack.“ Von einigen einheimischen Spezialitäten ließen jedoch selbst die Kollegen aus Südschweden die Finger. „Etwa von Suppe aus Rentierblut, oder von fermentiertem Fisch, dessen Verpackung wegen der extremen Geruchsentwicklung nur unter Wasser geöffnet wird.“

Viel Freizeit zum Schlemmen und Sporteln haben die Tester im hohen Norden ohnehin nicht. Sechs Tage die Woche wird gearbeitet, nur am Sonntag geruht. „Da hat man aber nicht unbedingt Lust, sich schon wieder ins Auto zu setzen und die Sehenswürdigkeiten der Umgebung zu erkunden.“ Obwohl diese durchaus reizvoll seien: spektakuläre, weil eingefrorene Wasserfälle etwa, rund zwei Autostunden von Arjeplog entfernt.

Aber die Arbeit geht nun mal vor. Schließlich sollen die Komponenten der nächsten Corsa-Generation perfekt aufeinander abgestimmt sein. Und perfekt abgestimmte Produkte schmecken sowieso immer am besten – vor allem, wenn sie frisch aus dem „Tiefkühlfach Europas“ kommen.

Akribische Arbeit: Beim Driften sucht Gunnar Nees „die richtige Balance zwischen Stabilität und zügigem Vorwärtskommen“.


April 2019

Text: Eric Scherer, Fotos: Gudrun Muschalla