Hochrad kommt vor dem Fall

Fosshag_D_02 Zum Weihnachtsfest im Jahre 1885 schenkte Adam Opel seinen Söhnen – Carl, Wilhelm, Heinrich, Friedrich und Ludwig – ein Velociped. Der Grundstein der späteren  Fahrradproduktion war damit gelegt. Bekanntschaft mit dieser neuartigen Erfindung hatte der Vater während einer Reise nach Paris gemacht, wo Zweiräder bereits zum Straßenbild gehörten. Die erste Probefahrt vor heimischer Kulisse mit dem Hochrad unternahm Adam Opel lieber selbst – und landete prompt im Straßengraben. Die Weihnachtsgaben galten plötzlich als gefährlich, und wurden umgehend verkauft.

Immerhin: die erlöste Summe überzeugte den Kaufmann Opel von den finanziellen Möglichkeiten des neuen Verkehrsmittels. Schon wenige Monate später, im Frühjahr 1886, verließ das erste Opel-Hochrad die Werkshallen, schnell wurde die Produktpalette ausgeweitet. Neben den Hochrädern, bei denen das Auf- und Absteigen akrobatisches Geschick vom Fahrer verlangte, wurden „Sicherheits-Niederräder“ und Drei-räder hergestellt. Die erste Anzeige vom Dezember 1887 kündete vom hohen Freizeitwert der Neuentwicklung: „Das Vergnügen des Radfahrens ist keinem Alter und Stand verschlossen, selbst Damen und älteren Herren bietet das Dreirad Gelegenheit zu gesunder Erholung. Das Fahren übt eine für Körper und Geist gleich kräftigende Wirkung aus.“

 

größter Fahrradhersteller
Der große Brand, den das Werk 1911 erlebte, bedeutete das Ende für die Nähmaschinen-Herstellung. Die Produktion von Zweirädern dagegen wurde ausgebaut. 1923 avancierte Opel zum größten Fahrradhersteller der Welt. Über 15.000 Händler vertrieben Fahrräder aus Rüsselsheim. Auf dem Höhepunkt der Fahrrad-Produktion und nach der Einführung des Fließbands Mitte der 20er-Jahre verließ alle sieben Sekunden ein Fahrrad die Fertigung.

Als Marktführer verfügte Opel sogar über einen eigenen Rennstall und eine Werksmannschaft. Die Fahrer auf den gelb-schwarzen Rennrädern zählten zu den Favoriten aller großen Rennen. Schon der drei-fache Tour de France-Sieger Philippe Thys aus Belgien setzte bei seinen Siegen auf Rennräder aus Rüsselsheim. Dennoch: die Zukunft bei Opel gehörte nicht den Fahrrädern, sondern dem Auto. Am 15. Februar 1937 lief das letzte Fahrrad vom Band. Ein Jahr vor dem 75-jährigen Unternehmensjubi-läum und nach 2,6 Millionen gebauten Fahrrädern erfolgte mit dem Verkauf der Fahrrad-Fertigung an den deutschen Fahrrad- und Automobilhersteller NSU die Konzentration auf das Automobilgeschäft.     OP02_13_14617

Teil 1 Erfolgreich eingefädelt

Anleitung zum Aufsteigen auf ein Hochrad

Das überdimensional große Vorderrad zeichnete die Hochräder aus. Daran angebracht war die Tretkurbel, die die Fortbewegung mit diesem Gefährt ermöglichte – der Volksmund nannte es „Knochenbrecher“. Das Aufsteigen ohne vorn überzukippen war eine hohe Kunst. Wer sie beherrschte, setzte einen Fuß am winzigen Hinterrad an, zog das zweite Bein nach, um sich dann auf den Sattel zu schwingen. Adam Opels erster Versuch misslang: Er probierte eines der Hochräder, das er seinen Söhnen zu Weihnachten schenkte, selbst aus. Die Fahrt endete im Straßengraben.