Nichts für Weicheier

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Der härteste Tag seines Lebens beginnt für Mohammed Ajaoun mit Kaffee und Nutella-Brötchen. Ajaoun, den hier alle „Momo“ nennen, steht am Samstagmorgen in einem Fahrerlager auf dem Campingplatz am Nürburgring: Er und seine Freunde haben hier in sechs Zelten, zwei Wohnmobilen, einem Wohnwagen und drei Vivaros übernachtet. Doch von einem Urlaub im Grünen sind die zehn Opelaner weit entfernt: Gleich starten sie gemeinsam mit 11.000 anderen beim „Strongman“, dem laut Veranstalter härtesten Rennen der Welt. Hart, das bedeutet: Zwei Runden à 12 Kilometer laufen und dabei noch jeweils 17 Hindernisse überwinden, die Namen tragen wie „Heldenpresse“ oder „Knieminator“. Und das Ganze noch in unter vier Stunden, sonst werden die Opelaner wie alle sonstigen Teilnehmer disqualifiziert. Warum tun die Männer sich das an? „Ich will einfach wissen, was hier abverlangt wird“, sagt Ajaoun. Der 38-Jährige läuft drei Mal die Woche zehn Kilometer und spielt Fußball – trotz Schichtarbeit als Oberbrandmeister bei der Werkfeuerwehr Rüsselsheim. Und er hat einen Job, der fit hält: Im Einsatz trägt er bleischwere Kampfmontur.

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Starke Männer: Die Opelaner Okay Kocak (1.v.l), Jörg Osberger (4.v.l.), Nihat Yoslun (5.v.l.), Stefan Hofmann (8.v.l.) und Mohammed Ajaoun (9.v.l.) mit befreundeten Läufern, alle in Shirts mit einer eindeutigen Botschaft von Opel.

Rennen im Muskel-Anzug
Genau so wie Okay Kocak, langjähriger Freund Ajaouns und in gleicher Position bei Opel tätig. Gerade hat Kocak sich umgezogen und präsentiert seine Laufkleidung für das Rennen: einen fleischfarbenen Einteiler, von oben bis unten mit enormen Muskelsträngen bedruckt. Es ist die Team-Kleidung für ihn und seine Kumpel. Darüber zieht er noch ein Opel-Trainingsshirt der Kampagne „Umparken im Kopf“. Eigentlich seien zwei Schichten übereinander nicht ideal, sagt er: „Wenn man durch Schlamm kriecht, reibt das.“ Aber Flagge zeigen ist heute wichtiger.

Für Kocak geht es sowieso nur noch ums Durchkommen. Er war schon im vergangenen Jahr dabei und hat die Tortur in knapp unter vier Stunden hinter sich gebracht. „Einige Kollegen hatten mir das nicht zugetraut. Denen habe ich es bewiesen.“ Zur Vorbereitung gab es deshalb dieses Mal nur etwas Laufen und Krafttraining. Kocak will heute einfach nur Spaß haben. Als Motivationshilfe füllt er ein Formular aus, das auf die Rückseite seiner Startnummer gedruckt ist: Darauf vermerkt er, wie seine Freunde ihn nennen können, wenn er aufgibt. „Pussy“, schreibt er darauf. „Pussy“ ist beim achten deutschen Strongman-Rennen ein gebräuchlicher Begriff: Die simplere Ausweichmöglichkeit, die es bei allen Hindernissen gibt, heißt „Pussy Lane“ („Weichei-Spur“). Doch damit nicht genug: Auch Stefan Hofmann ist dabei, der stellvertretende Leiter der Werkfeuerwehr Rüsselsheim und damit Kocaks Chef. Und wer sieht schon gerne vor seinem Chef alt aus?

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Gemeinsam Gas geben: Ein Opel-Kollege hilft Okay Kocak an der Gummireifen-Station.

Feuer und Bass zum Startschuss
Der Startschuss rückt näher, die Nervosität steigt. Gemeinsam laufen die Männer und ihre Begleiter in Richtung Fahrerlager. Das Thermometer zeigt zehn Grad, immer wieder nieselt es. Keine guten Bedingungen für solch einen Lauf. Doch irgendwie passt der schwarz-graue Himmel zu dem, was gleich kommt. Am Start ist die Stimmung ausgelassen. Zahlreiche Teams laufen mit Wikinger-Helmen, als Zombies verkleidet oder in Ganzkörperanzügen. Das ohrenbetäubende Bühnenprogramm besteht zu großen Teilen aus basslastiger Rockmusik. Weichgespülter Pop hat hier nichts zu suchen. Punkt 13 Uhr geht es endlich los: „Lauft um euer Leben, um Ruhm und Ehre“, brüllt der Sprecher ins Mikrofon. Entlang der Strecke fackeln Flammenwerfer, ein Feuerwerk brennt ab. Großes Kino.

Schnell verlieren sich die meisten Opelaner im Gewühl. Kocak und Chef Hofmann bleiben zusammen – sie wollen im Team durchkommen. Schon beim ersten Hindernis werden sie nass bis auf die Haut: Sie waten durch Becken mit Schlamm, Schaum, nochmal Schlamm und schließlich eiskaltem Wasser. Unangenehm, aber ein Klacks im Vergleich mit dem, was noch kommt. Beim nächsten Hindernis müssen die beiden auf allen Vieren über glatten und nassen Boden kriechen und dabei noch den einen oder anderen Stromschlag von herabhängenden Streifen kassieren, die an Generatoren hängen. „Auaaa“, schreien Läufer links und rechts von ihnen. Doch es hilft nichts, es muss weiter gehen.

 

Fitness vor Erfahrung
Sportskanone Ajaoun verlieren die beiden schnell aus den Augen: Fitness zählt hier mehr als die Erfahrung aus dem Vorjahr. Kocak und Hofmann klettern über Hindernisse aus Strohballen, waten keuchend durch mit Netzen überspannten Schlamm und kämpfen sich über Berge von aufgetürmten, vom Regen glitschnassen Autoreifen. Dennoch sind die beiden noch bester Laune, posieren hier und da sogar für Fotos. Einmal passieren sie einen Mann, der vor Erschöpfung nicht mehr geradeaus laufen kann, ein anderer erbricht sich am Wegesrand. Einige Läufer werden im Krankenwagen weggebracht. Ab Runde zwei wird es knüppelhart. Die Kälte zieht die Muskeln zusammen. Für Kocak wird die letzte Hälfte ein steter Kampf gegen die drohenden Krämpfe in Wade und Oberschenkel. Hofmann und Kocak arbeiten noch mehr im Team, helfen sich gegenseitig über die Hindernisse. Doch sie sprechen immer weniger – es bleibt keine Kraft mehr, sich gegenseitig anzufeuern. Irgendwann merkt Kocak, dass er seinen Chef nur noch aufhält. „Lauf‘ alleine vor“, ruft er ihm zu, „ich schaffe das schon alleine.“

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Opelaner Nihat Yoslun (vorne) hat sich über Wochen auf den Wettkampf vorbereitet.

Im Ziel den Tränen nahe
Indes ist Ajaoun schon im Ziel – nach knapp über drei Stunden, anderthalb Stunden nach dem Sieger. Ein respektables Ergebnis für den Feuerwehrmann, denn als ihm seine Medaille überreicht wird, starten viele erst noch in die zweite Runde. Eine Dreiviertelstunde später kommt auch Kocak an. Mit brennenden, aufgeschürften Beinen, aber sogar ein wenig schneller als im vergangenen Jahr. Und wie schon im vergangenen Jahr ist er vor Glück und Erleichterung den Tränen nahe. „Sich dieses Ziel zu setzen und zu erreichen, das ist das Größte“, erzählt er später, während die ersten Würstchen auf dem Grill bräunen. Alle sind froh, dass sie morgen nicht arbeiten müssen. Doch trotz aller Erschöpfung haben sie eines schon geschafft: Noch vor der warmen Dusche haben sie sich für den Lauf im kommenden Jahr gemeldet. Sie haben schließlich einen Ruf zu verlieren.

Rennsplitter

Beim achten Strongman-Lauf in Deutschland waren 24 Kilometer, 1300 Höhenmeter und 34 Hindernisse zu bewältigen.

Mit 13.000 Anmeldungen war der Lauf nach nur wenigen Stunden ausgebucht, 27.000 Menschen standen auf der Warteliste.

An den Start wagten sich 11.906 Läufer, davon 1870 Frauen.

8176 schafften es binnen vier Stunden ins Ziel, darunter 7389 Männer und 787 Frauen.

Wem das Rennen allein noch nicht Herausforderung genug war, konnte zwischendurch noch bei der „Bergwertung“ angreifen: An der Südkurve galt es, zwei Mal einen 50 Meter langen, matschigen Steilhang zu überwinden. Durch einen Chip wurde die Zeit jedes Läufers automatisch gemessen.

Der schnellste Mann kam mit 1:44:25 ins Ziel, die schnellste Frau mit 2:06:01.

Der nächste Lauf findet am 30. August im Ferropolis in der Nähe von Dessau statt. Die Voranmeldung läuft bereits.