Alarmstufe
Rot

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„Am besten schreibt es sich über etwas, an dem man selbst geschraubt hat.“

– Jürgen Nöll –

 

 

 

 


Buchtipp

144 Seiten, 280 Bilder – in dem Buch „Opel Motorräder“ (Podszun Verlag) lässt Jürgen Nöll das spannende Kapitel der Unternehmensgeschichte Revue passieren. Er zeigt und erläutert die Maschinen, die bereits damals mit Parallel-Zweizylinder-Motoren ausgestattet waren, die seitengesteuerten Viertakter, die preiswerten leichten Motorräder, die Werks-Rennmodelle und die legendären Motoclub-Maschinen, die noch heute bei Oldtimertreffen Aufsehen erregen.

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Zunächst waren es nur zwei Details, mit denen Opel im Januar Geschmack auf mehr machte: Doppelte Auspuffrohre, die den legendären Experimental GT von 1965 zitieren, und die roten Reifen waren in einem ersten GT Concept-Video zu sehen. Rote Reifen? Welchem Detail  der Opel-Historie diese farbigen Pneus huldigen, erkannten nicht viele auf Anhieb. Ein Opel-Rentner in Rüsselsheim-Königstädten strahlte jedoch sofort, als er das Bild sah, und schrieb direkt eine begeisterte Mail an seine noch aktiven Arbeitskollegen.

DAS SCHÖNSTE MOTORRAD, DAS OPEL JE GEBAUT HAT
Wirklich gewundert haben sich die Adressaten nicht, als sie den Namen des Absenders erblickten. Denn wenn er diesen visuellen Akzent nicht einzuordnen gewusst hätte, wer dann? Der Rentner ist nämlich niemand anderes als der Opel-Zweiradexperte Jürgen Nöll. Und die roten Reifen zitieren die „Motoclub“, das nach Meinung vieler Experten schönste Motorrad, das Opel jemals gebaut hat.

editorial

Noch hat der Schrauber gut lachen: Jürgen Nöll mit einer Bahnrennmaschine von 1923.

 

Bis 2008 war der heute 66-Jährige in der Motorenentwicklung des ITEZ aktiv. In seiner Freizeit hat Nöll als Zeitschriften- und Buchautor dafür gesorgt, dass Opel-Motorräder nicht nur Nostalgikern in Erinnerung bleiben werden. Einige davon hat er höchstpersönlich restauriert, denn das gehört zu seinem  Selbstverständnis: „Am besten schreibt es sich über etwas, an dem man selbst geschraubt hat.“ Mit der „Motoclub“ verbinden ihn besondere Erinnerungen. Dabei existierte sie für ihn ein halbes Leben lang nur als Wunschtraum.

Unverbesserlicher Motorradfan ist er dagegen schon seit seinem 17. Lebensjahr. Damals wird er im Sattel einer alten NSU von der Polizei erwischt –  ohne Führerschein. Das Verfahren wird bald darauf wegen Geringfügigkeit eingestellt, sodass einer legalen Zweiradmotorisierung des Neu-Opelaners, der an seine Schlosserlehre noch ein Maschinenbaustudium anhängen wird, nichts mehr im Wege steht.

 


Motoclub

Echte Designikonen sind zeitlos: Die „Motoclub 500“ steht auch nach heutigem Empfinden noch für Technik mit Stil.

 

Motoclub hinten

Bitte Platz nehmen: Der „Klubsitz“ hinterm Tank ist Kult – wie so vieles an der Motoclub.

 


Lenker

Rote Akzente auf Silber: Neben dem Sitz und den Griffen präsentierte sich auch der Opel-Schriftzug rot umrahmt.

 

Rad

Noch ein Stück Annehmlichkeit: Sieht aus wie eine Handgranate, ist aber ein Schalldämpfer.

 


Motoclub
war Höhepunkt
und Finale


 

Das Beste kommt zum Schluss – nach diesem Grundsatz könnte Opel die Geschichte seine Motorradproduktion gestaltet haben. Das erste motorisierte Zweirad wurde schon 1901 in Rüsselsheim gebaut. Bis 1907 entstanden zahlreiche Modelle, deren innovative technische Lösungen Kundschaft und Wettbewerber verblüfften. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Produktion wieder aufgenommen. Opel profilierte sich am Markt mit leichten, preiswerten Motorrädern, auch einige Rennmodelle, die vor allem in der ersten Hälfte der 1920er-Jahre sehr erfolgreich waren.
Ab 1928 wurde die Produktion in die sächsischen Elite-Diamantwerke verlagert, wo auch die Motoclub in Serie ging. Den „Rot-Silber-Vogel“ machte nicht nur sein markantes Styling populär. Der Grafiker und Designer Ernst Neumann-Neander, von dem Opel die Produktionslizenz erwarb, hatte für einige Konstruktionsdetails gesorgt, die es so zuvor noch nicht gegeben hatte: den neuartigen Pressstahlrahmen etwa, der verschiedene Einbaumotoren aufnehmen konnte, ohne dass er verändert musste, der hinter dem Kuppeltank angebrachte „Clubsessel“ oder die schonend federnde Vorderradaufhängung, die für besonderen Fahrkomfort sorgte.
Unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise stellte General Motors die Opel-Motorradproduktion 1930 ein, obwohl das Geschäft mit der Motoclub vielversprechend angelaufen war. Der Konzern hatte das Rüsselsheimer Unternehmen ein Jahr zuvor übernommen. Insgesamt präsentierte Opel 20 Motorrad-Modelle zwischen 1901 und 1930 und baute allein rund 6000 Maschinen.

DIE LEIDENSCHAFT FÜRS RESTAURIEREN ERWACHT
Rund zehn Jahre danach liest er in einer Fachzeitschrift einen Artikel des Motorrad-Journalisten Michael Heise, der mitreißend schildert, wie er Schraube für Schraube eine völlig verrostete BMW in neuem Glanz erstrahlen ließ. Der Bericht begeistert Jürgen Nöll so sehr, dass er sich eine abgewrackte NSU besorgt und diese mit gleicher Hingabe wieder zum Leben erweckt. Doch nicht nur die Maschine, deren Markenname eine Abkürzung für die Produktionsstätte in Neckarsulm ist, lebte auf – auch Jürgen Nölls Leidenschaft fürs Restaurieren.

Der Opelaner beginnt nun, regelmäßig Zweiräder wiederzubeleben – und von diesen Erfahrungen in Zeitschriften zu berichten. Allerdings wird er auch immer wieder gefragt: „Du arbeitest doch bei Opel, wieso hast du kein Opel-Motorrad?“ Das wurmt. Denn natürlich weiß der junge Ingenieur, dass sein Arbeitgeber auch als Zweirad-Hersteller eine große Vergangenheit hat. „Aber so eine Maschine mal selbst in die Finger zu bekommen, war damals fast unmöglich“, sagt er heute.

 

04 Im Trentino

Die Legende – und der, der sie weitererzählt: Jürgen Nöll und seine Motoclub.

 

 

DAS SCHICKSAL KLINGELT AM HAUPTPORTAL
1986 schließlich hat das Schicksal ein Einsehen mit dem Enthusiasten. Er kommt eines Morgens zur Arbeit – und seine Arbeitskollegen fragen ihn direkt, ob er „sie“ denn schon ergattert hätte. Auf seine verdutzte Frage, wer oder was „sie“ denn sei, zeigen sie ihm einen Artikel in der Lokalzeitung: Da steht, dass am Tag zuvor ein Tscheche am Opel-Hauptportal vorstellig geworden ist und eine alte Motoclub verkaufen wollte, aber abgewiesen wurde. Nöll hängt sich sofort ans Telefon, erfährt, man habe dem Mann empfohlen, es im Museum in Sinsheim zu versuchen, doch habe er in Rüsselsheim noch übernachtet. Nöll erwischte den Tschechen gerade noch, kurz bevor dieser aufbricht. Er zahlt den gewünschten Preis – und besitzt von nun an endlich „eine Opel“.

DIE LEGENDE MUSS SILBER SEIN 
Und die beansprucht seine gesamte Aufmerksamkeit. Denn der Perfektionist Nöll will das quietschgelbe Vehikel, das der Vorbesitzer aus dem Klassiker gemacht hat, nicht nur fahrtechnisch wieder aufbereiten, sondern ihm auch wieder zu dem Farbanstrich zu verhelfen, in dem die Motoclub im Herzen jedes Fans fest verankert ist: Silber mit rotem Sattel und roten Reifen.

„Das Original war nicht lackiert, sondern kadmiert – damit fingen die Probleme an“, erzählt Nöll. Denn metallische Beschichtungen aus Kadmium sind in den Achtzigern bereits verboten. Also lässt Nöll einen Lack mischen, der der Originalfarbe so nah wie möglich kommt. „Das durfte kein Ofenrohrsilber sein, sondern musste so einen leichten Bronzeton haben.“ Dass spätere Motoclub-Restaurateure dann keine Spezialmischung mehr brauchen, haben sie Opel zu verdanken: „Für den Ascona führten wir eine Farbe namens Rembrandt-Silber ein, die empfehle ich seitdem jedem, der eine Motoclub aufbereiten will.“

 


01 Meine MCL 1984

Gelb steht ihr weniger: In diesem Zustand erwarb Jürgen Nöll 1986 seine Motoclub.

 

02 Meine MCL 1984

Der Beiwagen mag noch so originell sein: Zu einer Motoclub passt er nicht.

 


Stehermaschine

Ein wahrhaft seltenes Exemplar: Eine Vierzylinder-Stehermaschine von Opel aus den 1920er-Jahren. Sie wird im Radsport eingesetzt, indem sie Radennfahrer auf Rekordgeschwindigkeit zieht.

 

Bahnrennmaschine

Nichts für Straße, aber ebenfalls ein Klassiker: Die Bahnrennmaschine von 1923.

 

GUTE RADGEBER: FREUNDESKREIS FINANZIERT REIFENPRODUKTION
Und Ratsuchende haben sich mittlerweile einige an ihn gewandt. Jürgen Nöll ist nämlich ebenfalls schon seit Jahren Opel-Motorradreferent des Veteranen-Fahrzeugverbandes und der Alt-Opel Interessengemeinschaft – und als kompetenter Ansprechpartner stets gefragt. Die Motoclub-Fans unter den Oldie-Afficionados haben sich mittlerweile zu einem eigenen Freundeskreis formiert, der mit Begeisterung Erfahrungen und Ersatzteile austauscht. Der wiederum machte es möglich, auch den zweiten optischen Hingucker der Motoclub wieder auferstehen zu lassen: die roten Reifen. Denn die gab’s ebenfalls schon lange nicht mehr.

Bis einer der Opel-Nostalgie-Biker eine Firma bei München auftat, die sich bereit erklärte, rote Reifen in den gewünschten Abmessungen zu produzieren. Bedingung: Es müssten gleich 100 Paar abgenommen werden, sonst rechne sich der Auftrag nicht. „Unser Freund musste mit 50.000 Mark in Vorlage treten“, berichtet Nöll. Bereut hat er die Investition nicht. Mittlerweile ist der Bestand soweit abverkauft, dass der Besitzer von den letzten Exemplaren nur noch welche herausrückt, wenn ihm dafür adäquate Tauschobjekte geboten werden.

 

Noell Motoclub

Motoclub forever: Jürgen Nöll vor rund 30 Jahren – ebenfalls auf seinem erklärten Lieblingsmodell.

 

WIEDER ERHÄLTLICH: DIE GESCHICHTE DER OPEL-MOTORRÄDER
Seither rollen wieder einige Motoclub durch Deutschland und das benachbarte Ausland, die ihrem originalen Erscheinungsbild der späten 1920er-Jahre fast einhundertprozentig entsprechen. Jürgen Nöll hat sich als Reanimateur von Opel-Klassikern natürlich noch viel öfter verdient gemacht. Zum Beispiel hat er fürs Unternehmen eine Bahnrennmaschine aus dem Jahr 1922 restauriert. Dafür musste er sogar eigens einen Gewerbeschein beantragen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Text: Eric Scherer, Fotos: privat, Opel Archiv