Klassik-Liebhaber mit Plan B


Keine Frage, Eidgenossen verstehen sich auf Understatement. „Ich hab heut nur mein Schlechtwetter-Oldie dabei“, erklärt Jürg Blumer cool im besten Schwyzerdeutsch. Der aber ist ein absoluter Hingucker: ein weißes Ascona Cabrio, Baujahr 1987. Eine echte Rarität. Was die Frage aufwirft, was denn die Schönwettervariante gewesen wäre. Die Antwort kommt ohne Zögern: „Ein Rekord P1, nochmal 30 Jahre älter.“

die mehrstündige Anfahrt lohnt sich
Was dieses Statement sonst noch beweist? Echte Oldieliebhaber verfügen stets über einen Plan B, um ihren Freunden was fürs Auge zu bieten. Daher büßte auch das 14. Klassikertreffen an den Opelvillen kein bisschen an Attraktivität ein, obwohl die Voraussetzungen diesmal ungünstig waren. Am Samstag hatte es lange und heftig geregnet, so dass Uwe Mertin, Manager Opel Classic, und sein Organisationsteam fürchteten, viele Oldiebesitzer würden zuhause bleiben, schließlich müssen die meisten eine mehrstündige Anfahrt in Kauf nehmen. Am Ende aber präsentierten sich doch rund 1600 Klassiker am Mainufer und in den Rüsselsheimer Parkanlagen, und da sich der Himmel im Laufe des Sonntags zunehmend aufhellte, strömten rund 20.000 Besucher über das Ausstellungsgelände.

 

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Begrüßen das Publikum: Opel-Chef Karl-Thomas Neumann, Moderator Detlef Krehl und der Rüsselsheimer OB Patrick Burghardt (v.l.).

„DIE LOCATION IM GRÜNEN IST EINZIGARTIG“
Jürg Blumer ist das sechste Mal dabei, und wie fast alle Aussteller mit seinem Ascona Cabrio „auf eigener Achse“ angereist. Am Freitag ist er in Glarus aufgebrochen, unterwegs haben sich in den Kantonen Thurgau und St. Gallen noch weitere Schweizer Freunde mit ihren Klassikern angeschlossen, so dass es dann im Oldie-Konvoi nach Rüsselsheim ging. Weshalb sie den weiten Weg jedes Jahr auf sich nehmen? „Die Location im Grünen ist einzigartig.“

Ohne Anmeldegebühr, mit Pappdeckeln
Zur außerordentlichen Beliebtheit des Events trägt außerdem bei, dass es keine Anmeldegebühren, -fristen und sonstiges bürokratisches Brimborium gibt. Es kann, darf und soll jeder kommen, der Lust und ein betagtes, vorzeigenswertes Automobil in der Garage stehen hat. Am Eingang ins Grüne müssen sich die Teilnehmer nicht mal mit umständlichen Meldelisten beschäftigen. Sie erhalten lediglich ein Stück Pappe, das eventuell als Ölfang dienen soll – sicher ist sicher. Um am Ende des Tages die Zahl der Aussteller zu ermitteln, zählt Uwe Mertins Team lediglich die ausgehändigten Pappdeckel.

 

Roter Teppich für rares rotes Cabrio: Harald Hamprecht steuert einen Kadett 1700, Baujahr 1967.

Roter Teppich für ein rares rotes Cabrio: Harald Hamprecht, Kommunikationsdirektor bei Opel, steuert einen Kadett 1700, Baujahr 1967.

KTN KOMMT IM ADMIRAL, JOCKEL IM 4/20
Kommen dürfen grundsätzlich alle Fabrikate, doch Opel lässt es sich als Co-Veranstalter und federführender Organisator natürlich nicht nehmen, die eigene Geschichte besonders zur Schau zu stellen. 14 Fahrzeuge hat die Classic Werkstatt bereitgestellt. Opel-Vorstandsvorsitzender Karl-Thomas Neumann ist mit einem dunkelroten Admiral Cabrio, Baujahr 1937, vorgefahren, Rüsselsheims Oberbürgermeister Patrick Burghardt mit einem Admiral gleichen Baujahres, einer viertürigen Limousine allerdings. Worauf diese Modellauswahl verweist, ist klar: das „KAD“-Jubiläum. Kapitän, Admiral und Diplomat werden 2014 exakt 50 Jahre alt.

mit dem Laubfrosch begann die serienfertigung
Zudem erfahren die Besucher von Moderator Detlef Krehl, dass es heuer auch 90 Jahre Serienfertigung zu feiern begibt. Die begann mit dem legendären „Laubfrosch“, der sich natürlich ebenfalls zeigt. Mit ihm vorgefahren ist Wolfgang Scholz, ehemaliger Technikchef von Opel Classic. Der ehemalige Le Mans-Gewinner und heutige Opel-Markenbotschafter Joachim Winkelhock dagegen steuert den Nachfolger des „Laubfrosch“ aufs Gelände: einen Opel 4/20 von 1929. Das Modell ist von Achim Zok, in der Opel Oldie-Werkstatt der Spezialist für Vorkriegsmodelle, gerade umfassend saniert worden.

 

Nicht so schnell wie damals in Le Mans, dennoch mit Spaß bei der Sache: Opel-Markenbotschafter Jockel Winkelhock in einem 4/20 von 1929.

Nicht so schnell wie damals in Le Mans, dennoch mit Spaß bei der Sache: Opel-Markenbotschafter Jockel Winkelhock in einem 4/20 von 1929.

GANZ BESONDERS ABGEFAHREN: EIN BERLIET VON 1910
Ein anderer langjähriger Opel-Mitstreiter, der sich ebenfalls weiterhin für alte Opel engagiert, hat zum 14. Klassikertreffen eine tolle neue Idee mitinitiiert: Unter dem Titel „Scheunenfunde“ werden unrestaurierte, aber nicht minder sehenswerte Schnauferl ausgestellt. Zur Premiere ist ein Opel 1.2 zu sehen, ein sogenanntes „Bockerl“, zudem sind ein Opel Blitz von 1947 und, ganz besonders abgefahren, ein Berliet-Lieferwagen von 1910 zu bestaunen.

Doch um wirklich alle Klassiker mit Seltenheitswert zu erwähnen, die in diesen Stunden am Mainufer zu sehen sind, bräuchte es ein Buch. Kein Wunder, dass Karl-Thomas Neumann und Patrick Burghardt gemeinsam zu dem Schluss kommen. „Für diesen einen Tag ist Rüsselsheim das größte Automobilmuseum Deutschlands.“

Voller Erfolg

Mit rund 20.000 Besuchern und etwa 1600 teilnehmenden Fahrzeugen war die 14. Auflage des Klassikertreffens an den Rüsselsheimer Opelvillen auch in diesem Jahr trotz schlechter Witterungsbedingungen wieder ein voller Erfolg.

Was macht den Charme des Oldtimer-Treffens am Mainufer aus? Der immer wiederkehrende Termin am letzten Sonntag im Juni, die kostenlose Teilnahme, kein Anmeldezwang, keine Teilemärkte, die ungezwungene Atmosphäre, die schöne Umgebung, der herrliche Geruch von Öl und Benzin, der tolle Motorsound aus allen Ecken, die vielen begeisterten Teilnehmer und Zuschauer. Genau das ist schon viele Male das Erfolgsrezept für das größte eintägige Klassikertreffen in Deutschland.

Der nächste Termin steht bereits fest: Das nächste Klassikertreffen steigt am Sonntag, 28. Juni 2015.