Die Werbung
hat gelogen

Da ist dieser schwarz bezogene Handgriff. Wie ein anders herum montierter zweiter Bremshebel ragt er vor dem Schaltstock aus der Mittelkonsole. Und nur seiner Größe wegen fällt er überhaupt auf. Eine entschlossene Bewegung legt den Hebel nach vorne um. Das dreht sie um die Längsachse aus den Kotflügeln, alle beide, gleichzeitig, schnell, und mit einem kurzen, trockenen „Klack“ öffnet der GT seine runden Augen. Sie wölben sich rechts und links aus der flachen Schnauze wie zwei Wegweiser, über die sich die Straße anpeilen lässt. Die führt rund um Lautertal über die Dörfer und verschlungen durch das satte Frühsommergrün des Odenwalds. Immer wieder bricht grell die Sonne durch das Dunkel von Fichten und Tannen und das Blätterdach der Eichen und Buchen.

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Olaf Moldzen: „Das kannst du schwer beschreiben, diese Begeisterung, die der GT erzeugt, es ist ein ganz besonderes Gefühl.“

 

So könnte das jetzt ohne Ende weiter gehen

Dann läuft das Licht für einen Moment über die Autos weiter vorne, bevor es zwischen den ausgestellten Scheinwerfern über die lange Haube von Olaf Moldzens Opel GT huscht, kurz auf die gewölbte Windschutzscheibe schlägt, über Dachbogen und Kotflügel nach hinten verschwindet und an der Abrisskannte hinter den vier runden Heckleuchten auf die Straße fällt. Durch die offenen Fenster weht kühl der Fahrtwind an diesem morgens schon viel zu heißen Pfingstsonntag, und begleitet vom Opel-typischen Graugussgegrummel macht sich im schmalen Innenraum des GT ein Wunsch breiter und breiter: So könnte das jetzt ohne Ende weiter gehen.

 

Als Auto allein ist er nicht zu begreifen
Olaf schaltet vor der nächsten Kurve sanft einen Gang runter, lenkt Richtung Scheitelpunkt und lächelt rüber. Er spürt es genau so. „Das kannst du schwer beschreiben, diese Begeisterung, die der GT erzeugt, es ist ein ganz besonderes Gefühl.“ Das ist es. Zum Fahrerlebnis im GT werbetextete Opel, was später zum geflügelten Wort wurde: „Nur Fliegen ist schöner.“ Die Werbung also hat schon damals gelogen. Und auch wieder nicht. Weil der von Carolus Horn geprägte Spruch doch Wesentliches auf den Punkt brachte, auch wenn Fliegen eben nicht schöner war und auch nicht schöner ist als GT fahren: Der GT ist Gefühl. Als Auto allein ist er nicht zu begreifen. Man müsste ihn dann eng finden und unpraktisch, weil er ja nur zwei Sitze und nicht mal eine Heckklappe hat.

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Zum Fahrerlebnis im GT werbetextete Opel, was später zum geflügelten Wort wurde: „Nur Fliegen ist schöner.“

 

Das Modell prägte den Zeitgeist, gab ihm ein Gesicht
Als Auto aber begreift den GT keiner von denen, die jemals auch nur einen Kilometer mit ihm gefahren sind. Sie wissen, dass GT fahren tatsächlich schöner sein kann als Fliegen. Beim 22. GT Europa-Treffen ist das sowieso jedem klar. Aus Norddeutschland sind sie gekommen, aus Stade oder Heide, andere reisten aus dem tiefsten Bayern oder dem Schwarzwald an. Einige machten sich aus der näheren Umgebung auf den Weg zur Kuralpe in Lautertal, manche aus den Niederlanden, der Schweiz und Österreich. „Wir haben etwa 200 GTs hier“, sagt HG von der GT IG Bergstraße. Er höre seinen Namen nicht gern, „deshalb stellt der sich immer als HG vor“, sagt sein IG-Kollege Martin Wiesenfahrt und schätzt, dass das GT Europa-Treffen dieses Jahr wohl um die 400 Leute zusammenbringt. „Aber was dann noch an Tagesbesuchern kommt, lässt sich halt nicht zählen.“ Leicht zählen lassen sich die neuen GT, die seit 2010 bei dem Treffen teilnehmen. Es sind vier. Sie gehen unter in der Menge und Vielfalt der alten GT, jenem Auto, mit dem Opel Ende der 60er-Jahre den Zeitgeist nicht nur traf, sondern ihn mit prägte, ihm Gesicht gab und eine Form. Dieses Gesicht und diese Form begeistern über die Jahrzehnte, die Ausstrahlung des GT wirkt noch heute unwiderstehlich.

 

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Aus Norddeutschland sind sie gekommen, aus Stade oder Heide, andere reisten aus dem tiefsten Bayern oder dem Schwarzwald an.

 

 

Ist er der Schönste? Der Glamouröseste? Der Extravaganteste und der Gewagteste?                   
Ohne Frage war er einzigartig. Er hatte keinen Vorgänger und auch keinen direkten Nachfolger. Schnell wurde er Kult. Und immer noch ist er einer der besten Beweise dafür, dass Opel nie wirklich dem Image entsprach, das der „Spiegel“ der Marke in den Siebzigern andichten wollte. Da schrieb das Magazin, der typische Opel-Fahrer sei „das träge Dickerchen, das mit Hut, Zigarre und sichtbaren Hosenträgern am Lenkrad hockt.“   Als sich zur Ausfahrt die einzelnen Gruppen sammeln und Aufstellung nehmen hinter den Führungsfahrzeugen, die auf der Runde durch den Odenwald die Richtung weisen, war am Steuer jedenfalls keiner mit Hosenträgern und Zigarre zu sehen. Und wer einen Hut anhatte, trug ihn gegen die Knallsonne. Andere hockten sich im schattigen Biergarten der Kuralpe zusammen oder flüchteten unter die Partyzelte, um über Benzin und alles mögliche sonst zu reden. Bis spät in die Nacht ging die Feier, und erst allmählich kommen alle wieder in Schwung.

 

Von nebenan weht schon der Grillgeruch rüber
Markus und Holger von opel-models.de stauben die Vitrine mit ihren ferngesteuerten Opel-Modellen ab, ein Knirps gurkt mit einem der extra fürs Treffen aufgelegten GTs in Schlangenlinien über den Kurs. Von nebenan weht schon der Grillgeruch rüber, ein stummelschwänziger Labrador-Mix ist nur mit Rucken an der Leine und Machtworten von Würsten und Leberkäs fern zu halten. So findet beim GT-Treffen jeder etwas nach seinem Geschmack, vom Grill oder eben von Opel. Die Jumpstart-Initiative zum Beispiel hat beide Aero-GT nach Lautertal gebracht. Für die IAA 1969 hatte das Designteam um Charles M. Jordan eine Targa-Variante des GT mit Dachbügel und steil stehender, versenkbarer Heckscheibe kreiert, im Frühjahr 1970 war ein zweites Exemplar in Blaumetallic bei Michelotti entstanden. Es blieb bei diesen beiden Autos. Leider. Dafür hatte der GT einen viel größeren Erfolg als anfangs erwartet.

 

Opel GT Treffen 2014

Die Jumpstart-Initiative hat die Aero-GT nach Lautertal gebracht.

 

Auto motor und sport beschrieb ihn im Debütjahr 1968 als „das Sportlichste, was man sich überhaupt denken kann.“ Dabei hatte noch kaum jemand der drei Jahre zuvor auf der IAA gezeigten Studie „Experimental GT“ irgendwelche Chancen auf Serienfertigung eingeräumt. Schön fand man ihn schon, aber ob er kommen würde? Er kam. Und wie: 103.463 GT baute Opel zwischen Oktober 1968 und Juni 1973. Weil Opel selbst die Kapazitäten gar nicht so schnell schaffen konnte, wurden die Karosserien von Chausson in Gennevilliers gefertigt, ebenfalls in Frankreich bei Brissonneau et Lotz lackiert, und in Bochum wurden die GT mit der Technik komplettiert. Bodengruppe und Fahrwerk stammen wie der im GT bis 1970 angebotene 1100er Motor vom Kadett B, der 90 PS starke 1.9-Liter-Vierzylinder vom Rekord C. Über 90 Prozent der GT trugen bei Auslieferung den 1,9er-Motor.

 

Damals 11.880 Mark, heute bis zu 20.000 Euro
Mehr als Dreiviertel der Produktion verkaufte Opel im Ausland, über die Hälfte ging, oft ausgestattet mit Dreigang-Automatik, in die USA. Zum Produktionsstart für 11.880 Mark angeboten, erzielt ein GT 1900 in gutem Zustand heute Preise um die 20.000 Euro. Für Geld aber würden sich die echten Freunde des Opel GT sowieso nicht von ihrem Auto trennen. Er ist für sie ein Traum, ein Lebensinhalt und oft auch ein Familienmitglied, ist Spleen und Verkörperung ihrer Verrücktheit. Und wer nicht aufpasst, den kann diese Begeisterung für den Opel GT ganz schnell selbst anstecken. Es reichen ein paar Kilometer, und dann der Griff zu diesem Hebel in der Mittelkonsole.

Text und Fotos: Michael Orth