Als eine Legende
den SC Opel trainierte

Günter Lasse hat in seinen aktiven Zeiten als Fußballer immer mal die Wege der ganz Großen gekreuzt. Als Junior etwa, in den 1960er-Jahren, teilte er auf Lehrgängen hessischer Auswahlmannschaften oft das Zimmer mit einem Toptalent aus Wiesbaden-Biebrich, das auch die Funktionäre seines SC Opel gerne verpflichtet hätten. Also sollte ihr Nachwuchsspieler Günter Lasse seinen Kameraden „bearbeiten“, nach Rüsselsheim zu wechseln.

„Vergesst es“, winkte dieser ab, „Eintracht Frankfurt will den, da habt ihr keine Chance.“ So kam es denn auch. Lasses Zimmergenosse wechselte in die Mainmetropole, bestritt 441 Pflichtspiele für die Eintracht, lief 44-Mal für die deutsche Nationalmannschaft auf, wurde 1972 Europa- und 1974 Weltmeister.  Er heißt Jürgen Grabowski und hat gerade (am 7. Juli) seinen 75. Geburtstag gefeiert.

Als gereifter Kicker des SC Opel traf Günter Lasse im Januar 1970 auf einen Mann, der im Gegensatz zu Grabowski schon früher zur Legende geworden war. Er hatte sich als deutscher Torhüter auf der britischen Insel den Ruf erworben, neben Lew Jaschin der beste Keeper der Welt zu sein. Ins DFB-Team aber wurde er nie berufen, weil  Bundestrainer Sepp Herberger prinzipiell keine im Ausland tätigen Spieler nominierte.

Opel-Veteran: Günter Lasse hat in seinen aktiven Zeiten als Fußballer immer mal die Wege der ganz Großen gekreuzt. (Foto: Martin Krieger/Main-Spitze)

Günter Lasse arbeitete vier Jahrzehnte lang bei Opel – in der Datenverarbeitung, später im Kundendienst.

 

Das Wunder vom
Genickbruch im
Pokalfinale

Unsterblich gemacht hatte den neuen Trainer des SC Opel das englische Pokalfinale des Jahres 1956. In diesem hatte er sich in der 75. Minute schwer verletzt, doch spielte er weiter und rettete seinem Team vom Manchester City den Sieg. Nach dem Abpfiff wurde bei ihm sogar ein Genickbruch diagnostiziert. Wie er den überlebte, blieb ein Rätsel. Die Geschichte zählt bis heute zu den am häufigsten zitierten Fußballwundern.

Die Rede ist – natürlich – von Bert Trautmann. Der derzeit wieder in aller Munde ist, weil 2019 ein Film in den Kinos lief, der seine Lebensgeschichte erzählt. Parallel erschienen ist die Biografie „Trautmanns Weg“ der englischen Historikerin Catrine Clay.

 

Er galt als bester Keeper der Welt –
1970 wurde er Coach beim SC Opel Rüsselsheim.

 

Im Kern allerdings behandeln Buch und Film nur den Abschnitt zwischen den Kriegsjahren und dem berühmten Pokalfinale. Nach seinem Karriereende 1964 war Trautmann noch einige Jahre als Trainer unterwegs, und 1970 coachte er den SC Opel Rüsselsheim. Der übrigens kein „Werksclub“ ist, sondern sich den Namen 1928 aus Verbundenheit zum Unternehmen gab.

 

Ein Rasen voller Aufstiegshelden: Der SC Opel im Sommer 1965.
(Archivfoto: Main-Spitze)

 

Natürlich sind in den vergangenen Wochen immer wieder Medienvertreter bei ehemaligen SC-Spielern vorstellig geworden, um zu erfahren, wie es denn damals so war mit dieser lebenden Legende auf der Trainerbank. Und nahezu alle reagieren so, wie es auch der nunmehr 80-jährige Günter Lasse tut: zunächst verlegen, später genervt. Es sind nämlich Sportsmänner der alten Schule, für die Fairness noch einen echten Wert darstellt und die nichts Schlechtes übereinander erzählen wollen.

Doch über das Gastspiel Bert Trautmanns in Rüsselsheim gibt es – leider – auch nicht viel Gutes zu erzählen. Ein Menschenleben ist nun einmal kein Spielfilm, der sich lieber auf ruhmreiche Momente konzentriert und die weniger gelungenen ausspart. In der Realität erlebt niemand ausschließlich gute Tage.

 

Ein Leben ist nun einmal kein Spielfilm,
der sich auf ruhmreiche Momente konzentriert
und die weniger gelungenen ausspart.

 

„Als Mensch war er mir sehr sympathisch, als Trainer aber war er unmöglich“, bricht es irgendwann aus Günter Lasse heraus. Und der sollte dies beurteilen dürfen: Nach seiner aktiven Karriere war er auch selbst noch lange Jahre als Coach tätig, auch beim SC Opel.

Als Spieler gehörte Lasse der Generation an, die dem SC im Jahr 1965 den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte bescherte: den Aufstieg in die Regionalliga. Das war damals, wohlgemerkt, die zweithöchste deutsche Spielklasse. Über den insgesamt fünf Regionalligen gab es nur die 1963 gegründete Bundesliga.

Die Aufstiegshelden des SC Opel: Sportsmänner alter Schule

Trainiert
wie Profis,
ausgestattet
wie Amateure

 

Daher waren die Anforderungen an die Regionalliga-Kicker damals absolut professionell. Bezahlung und Arbeitsbedingungen eher nicht. „Wir bekamen 160 Mark Festgehalt im Monat, und mit den anfallenden Prämien bist du vielleicht auf 300 gekommen“, erzählt Lasse. „Für Auswärtsfahrten bis ins bayerische Hof stand uns ein Bus zur Verfügung, den Opel im Alltag für kurze Strecken innerhalb des Werks  nutzte: ohne Kopfstützen, und im Winter war öfter die Heizung kaputt. Da kamen wir oft erst mitten in der Nacht nach Hause, vollkommen gerädert, und morgens um sechs ging’s gleich wieder zur Arbeit.“

Lasse selbst war seit 1959 bei Opel beschäftigt. Nach seiner Ausbildung wechselte er schnell in die Datenverarbeitung, weil es dort fußballbegeisterte Vorgesetzte gab, die dafür sorgten, dass er niemals Spät- oder Nachtschicht arbeiten musste, sodass er kein Training versäumte.

 

Die Spieler kamen oft erst mitten in der Nacht nach Hause,
vollkommen gerädert, und morgens um sechs
ging’s wieder zur Arbeit.

 

Datenverarbeitung – damals? „Kann man mit heute nicht mehr vergleichen“, erinnert sich der 80-Jährige heute. „PC-Arbeitsplätze gab es noch lange nicht, unsere Rechner waren riesige Maschinen.“ 1972 wechselte Lasse in den Kundendienst, wo er bis zu seinem Ruhestand 1999 für Gewährleistung zuständig war.

Als Bert Trautmann im Januar 1970 das Team des SC Opel übernahm, hatte der Vorstand gerade einen jungen Trainer namens Otto Baric gefeuert, der daraufhin richtig durchstarten sollte: Er wurde als „Otto Maximale“ bekannt, coachte mehrere Topklubs in Europa, 1985/86 auch mal den VfB Stuttgart, und wurde unter anderem sieben Mal österreichischer Meister.

 

Die wahre Geschichte: Das Titelfoto von Catrine Claus‘ Biografie „Trautmanns Weg“ – das Buch ist im „Verlag Die Werkstatt“ erschienen.

Nach Barics Zeit beim SC Opel aber schwebte der Klub bald in akuter Abstiegsgefahr. Mit Trautmann lief es in der Rückrunde 1969/70 zunächst ganz gut, „und wir schlossen die Saison im Sommer auf einem gesicherten Mittelfeldplatz ab“, erzählt Lasse. „In der Spielzeit darauf aber hat Trautmann uns einfach nicht mehr vernünftig trainiert. Er ließ uns nur noch Runden laufen. Oder stellte sich selbst ins Tor und ließ uns draufbolzen.“

Im November 1970 stand der SC Opel wieder auf einem Abstiegsplatz. „Trautmann verabschiedete sich in die Winterpause und erklärte, am 8. oder 9. Januar zurückzukehren. Wir haben dann freiwillig ohne ihn trainiert.“ Und als der Trainer dann gar nicht mehr kam, war niemand ernsthaft überrascht.

 

Als der Trainer dann nach der Winterpause
gar nicht mehr kam, war niemand ernsthaft überrascht.

 

Später zog es Trautmann in die Ferne – Burma, Liberia, Pakistan hießen seine nächsten Stationen. „Ich glaube, er hat sich seine Trainerengagements stets mithilfe seines legendären Rufs als aktiver Spieler gesichert“, vermutet Lasse.

Er selbst ist stets in Rüsselsheim geblieben, obwohl es auch ihm an Angeboten nicht mangelte. Wenngleich diese aus nicht ganz so weiter Ferne kamen. „Einmal wollte mich die Eintracht aus Bad Kreuznach. Die machten aber zur Bedingung, dass ich an die Nahe ziehe. Ich war doch aber ein Opelaner vom Main!“

 

Der Spielfilm „Trautmann“ konzentriert sich auf die dramatischen und romantischen Momente im Leben Bert Trautmanns. DVD und Blu-ray erscheinen im September. 
(Copyright: © SquareOne/Capelight)

 


Juli 2019

Text: Eric Scherer