Helfen, sich selbst zu helfen

 

Das erste Treffen der Selbsthilfegruppe findet am Mittwoch, 2. September 2015, um 15 Uhr in der Sanitätsstation K155 statt. Danach trifft sich die Gruppe an jedem ersten Mittwoch im Monat zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

 

 


Neue Teilnehmer
sind jederzeit
willkommen!

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Depressionen sind Krankheiten, die von Fachleuten diagnostiziert und behandelt werden müssen. Seit dem schrecklichen Freitod des Fußballnationaltorhüters Robert Enke ist dies auch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst geworden. Dennoch hört man im Berufsalltag immer noch Sätze wie: „Der soll sich einfach mal am Riemen reißen“, wenn Kollegen über längere Zeit in depressiver Stimmung sind. Noch schwieriger ist es, sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe braucht.

Das weiß niemand besser als Arno Stark. Der Rüsselsheimer Powertrain-Mitarbeiter hat die Verzweiflung, die Qualen, aber auch die Ausgrenzung, die depressive Menschen erfahren, am eigenen Leib erlebt – und auch die typischen Fehler gemacht. Darum will er jetzt Opel-Kollegen helfen, warnende Zeichen schneller zu erkennen und zu reagieren.

 


Diskretion
und ein respektvoller Umgang
haben oberste Priorität.

Ab Mittwoch, 2. September, leitet der 56-jährige für den Werkärztlichen Dienst eine Selbsthilfegruppe für Mitarbeiter, die psychische Probleme haben. Dahinter können komplizierte Krankheitsbilder stecken, außer Depression vielleicht sogar bipolare Störungen, soziale Phobien oder auch beginnende Schizophrenie.

„Eine exakte Diagnose muss natürlich ein Facharzt treffen“, weiß Arno Stark. „Aber vielleicht können wir im gemeinsamen Gespräch erörtern, welchen Weg der Einzelne gehen sollte.“ Auch Werksärztin Dr. Suzana Lindner wird die Gruppe begleiten.

 

IN DER ABWÄRTSSPIRALE:
SCHRITT FÜR SCHRITT INS UNGLÜCK

Arno Starks Leidensgeschichte begann vor über zehn Jahren. Mit einem einfachen chirurgischen Eingriff eigentlich, der aber nicht hundertprozentig glückte. Von da an hatte er Beschwerden, die ihm ein Leben in der Gemeinschaft erheblich erschwerten. Privat traute er sich kaum noch aus dem Haus, am Arbeitsplatz fühlte er sich bald ausgegrenzt. Auch seinen geliebten Sport – er war begeisterter Triathlet – konnte er nicht mehr ausüben. Hinzu kamen akute Schlafstörungen. „Ich war so feinfühlig geworden, dass mich selbst das leiseste Geräusch nachts aufschrecken ließ.“

 


Es hätte alles nicht soweit kommen müssen, wenn ich früher Hilfe gesucht und auch angenommen hätte.

— Arno Stark —


 

Nach einem Jahr war er am Ende, nervlich und körperlich. „Ich habe versucht, mich umzubringen“, bekennt er. „Schon allein der Umstand, dass ich heute darüber reden kann, zeigt, dass ich es wenigstens danach richtig gemacht habe.“ Denn er begab sich in Therapie, wo ihm eine schwere Depression attestiert wurde, die anschließend erfolgreich behandelt werden konnte. Heute arbeitet Arno Stark in einem Versuchslabor der Powertrain-Organisation.

„Es hätte alles nicht soweit kommen müssen, wenn ich früher Hilfe gesucht und auch angenommen hätte“, hat er erkannt. „Aber ich habe halt den harten Mann markiert, und ich weiß, dass auch viele meiner männlichen Kollegen dazu neigen. Frauen sind da oft vernünftiger.“

 

„VIELE KOLLEGEN HABEN MIR MUT GEMACHT“

Als er nach der Katastrophe an seinen damaligen Arbeitsplatz zurückkehrte, „habe ich mir auch viel unqualifiziertes Zeug anhören müssen“, will Arno Stark nichts schönreden. „Doch ebenso sind sehr viele Kollegen auf mich zugekommen, um mir Mut zu machen oder mir zu offenbaren, dass sie das Gefühl, nicht mehr weiter zu wissen, ebenfalls gut kennen. Von daher weiß ich, dass ich nicht der Einzige bin, der schon einmal psychische Probleme hatte.“ Und diese Erfahrungen will er nun einsetzen, um anderen zu helfen.

Das erste Treffen der Selbsthilfegruppe findet am Mittwoch, 2. September, um 15 Uhr in der Sanitätsstation K155 statt. Danach trifft sich die Gruppe an jedem ersten Mittwoch im Monat zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Neue Teilnehmer sind jederzeit willkommen. „Diskretion und ein respektvoller Umgang miteinander haben für uns oberste Priorität“, versichert Arno Stark.

 

Stand August 2015

Text: Eric Scherer, Foto: Martina Sabais (Asterion)