Martern
fürs Millennium

Das Testzentrum im Wald von Dudenhofen feiert
am 10. September 50. Geburtstag mit einem Tag der offenen Tür.
Die Opel Post erzählt dessen Geschichte – in drei Kapiteln

 

—  F O L G E  2 :  DAS TEST CENTER WÄCHST MIT SEINEN AUFGABEN 

 

Gerhard Faust

Läuft wirklich alles nach Plan? Projektleiter Gerhard Faust prüft nach.

Das ist nicht leicht für Gerhard Faust: Die Zeit drängt, und er muss einem Vehikel zuschauen, das sich gerade mal 20 Meter in der Stunde bewegt. Bis zum 4. Dezember muss es den über fünf Kilometer langen Rundkurs ums Opel Test Center in Rodgau-Dudenhofen abgefahren haben, dann müssen die Fahrzeugprüfungen auf der Bahn wieder beginnen. Müssen. Denn das Zeitfenster lässt keine Verschiebungen zu.

Projektleiter Faust und sein bereichsübergreifend planendes Team haben alles exakt ausgeklügelt. Extra abgewartet, bis Opel sich zwischen der Einführung zweier neuer Modelle mal eine etwas längere Pause gegönnt hat. Sie haben verschiedene Testreihen, die normalerweise in Dudenhofen ablaufen, vorübergehend auf Prüfstrecken in England und Frankreich verlagert. Sie lassen Arbeiten, wenn irgend möglich, in drei Schichten rund um die Uhr und übers Wochenende laufen. Doch länger als bis zum 4. Dezember 1993 kann das Unternehmen auf seine geneigte Schnellbahn nicht verzichten.


DIE RUNDBAHN ERHÄLT EINE ASPHALTDECKE

 

Da kostet es Nerven, diesem 75-Tonnen-Koloss zuzusehen, der in seinem Berufsalltag Uferböschungen zu befestigen pflegt. Auch wenn der Verstand immer wieder meldet, dass schon alles sein Richtigkeit hat. Dieses Monster kann mit seinem exakt austarierten Walzensystem, das sich über die gesamten 14,20 Meter Breite der sich krümmenden Fahrbahn erstreckt, nun einmal nicht schneller arbeiten. Und eine Alternative war auf dem Markt nicht zu haben. Immerhin rollt es 24 Stunden am Tag.

 

27 Jahre nach der Einweihung (kleines Bild, oben) rollen an der Schnellfahrbahn wieder die Bagger.

Brückenfertiger 1991

Der 75-Tonnen Brückenfertiger schafft zwar nur 20 Meter die Stunde, arbeitet dafür aber rund um die Uhr.

 

Der sogenannte „Brückenfertiger“ verpasst der Strecke erstmals eine Asphaltdecke. Die alte Betonoberfläche ist bereits abgetragen worden, wurde noch vor Ort zu Schotter gestückelt und direkt wieder als Unterlage für die neue Decke aufgebracht. „Recycling“ ist längst auch in Dudenhofen ein Gebot.

 


540 Kilometer in einer Schicht? Das ist auf Strecken wie diesen kein Vergnügen.


20 OPEL-GENERATIONEN IN DER „FOLTERKAMMER“ IM GRÜNEN

 

Die Runderneuerung der Fahrbahn war fällig, nach nunmehr 27 Jahren. Zwei Jahre zuvor, 1991, hat das Opel Test Center seinen 25. Geburtstag gefeiert. Rund 20 Opel-Generationen sind mittlerweile auf Herz und Nieren geprüft worden. Über 50 Millionen Versuchskilometer wurden in der „Folterkammer im Grünen“, wie die Opel Post die Anlage seinerzeit nennt, abgespult.

„Wahrscheinlich haben 1966 nur wenige Menschen gedacht, dass Dudenhofen für Opel einmal so wichtig werden würde“, erklärt Günter Zech, Leiter des Testzentrums, in der Mitarbeiterzeitung. Dass die Einrichtung „eindeutige Wettbewerbsvorteile bringt“ stehe längst aber außer Frage. „Die Entwicklung von Fahrzeugen erfordert von der Serienfreigabe umfangreiche Erprobungen in Hinsicht auf Dauerhaltbarkeit, Sicherheit oder gesetzliche Vorgaben. Hier helfen sogenannte Raffprogramme, bei denen der Alltagsbetrieb eines Autos in viel kürzer Zeit nachgestellt wird.“

Messtechnik 1991

Dieser Beifahrer weiß alles: Udo Göckel mit Computertechnik der 1990er.


Ride and Comfort

Geräuschsmessung: Georg Müller (links) und Axel Jahnke auf dem „Ride and Comfort Track“.

DER „RAFFFAKTOR“ FORDERT 540 KILOMETER IN EINER SCHICHT

 

Nach wie vor fester Bestandteil im Dudenhofener Alltag ist das Dauerversuchsprogramm P1, in dem über 48 Tage 50.000 Kilometer so intensiv abgespult werden, dass sie 150.000 Kilometer und sechs Jahren Fahrzeugleben entsprechen. Andere Programme weisen einen noch höheren „Rafffaktor“ auf: „P3“ sieht zur Struktur- und Fahrwerkserprobung eine nur 2000 Kilometer umfassende Opel-Tortur vor, die allerdings ausnahmslos über die Großblockwellenbahn führt und die die ins Visier gefassten Komponenten fünf Mal so hart wie auf einer vergleichbaren Strecke in der Wirklichkeit beansprucht.

Ein Testfahrer spult in einer Schicht rund 540 Kilometer über Marter-, Handlingsstrecken und Schnellfahrbahn ab. Da dauert es nach dem Aussteigen einen Moment, bis man wieder an festen Boden unter den Füßen gewohnt ist.


NACH DEM DIESELWELTREKORD KAM DIE KLIMAKAMMER

 

Auch in den externen Medien ist das Prüffeld präsent: Der „Dieselweltrekord“ des aerodynamisch verbesserten GT-Versuchsfahrzeugs, das 1972 auf dem Dudenhofener Rundkurs eine Höchstgeschwindigkeit von 197 km/h erreicht, die bis dato noch kein anderer Diesel geschafft hatte.

Seit den 1970er Jahren verfügt das Test Center auch über eine Klimakammer, in der der südhessische Wald zum tropischen Dschungel wird: 50 Grad Celsius und 98 Prozent Luftfeuchtigkeit setzen Lack und Karosserieblech der Opel-Prüffahrzeuge zu. Acht Stunden dauert der Korrosionstest allein in dieser Kammer, zuvor sind die Fahrzeuge nonstop über Split-, Staub und Betonstrecken und durch acht Salzwasser-Duschen gejagt worden. Das Ganze läuft 50-Mal hintereinander ab. „Damit simulieren wir ein fünfjähriges Autoleben unter Klimabedingungen wie an der Nordseeküste“, so Günter Zech.

Opel_Dieselweltrekord_GT

Einfach nur wow: Das GT-Versuchsfahrzeug, das mit seinem „Dieselweltrekord“ 1972 das Opel Test Center in die Schlagzeilen brachte.


Es werde Licht: Ab 1997 ist die Rundbahn auch beleuchtet.


AB DEN ACHTZIGERN WIRD AUCH DER „KOMFORTFAKTOR“ GEMESSEN

 

Das Straßennetz auf dem Testgelände ist seit 1985 etwa 38 Kilometer lang. Neu hinzugekommen ist ein 4,4 Kilometer umfassender „Ride and Comfort“-Track, eine Geräusch- und Komfortstrecke, die auch einen teilweise beheizten Rundkurs einschließt.

Hier werden Geräuschemissionen auf verschiedenen Straßenbelägen gemessen, innen wie außen. Denn neben Fahrverhalten beurteilt der Kunde zunehmend auch den „Komfortfaktor“ seines Opel. Ebenso machen technische Weiterentwicklungen bei Abgas- und Sicherheitssystemen neue Prüfverfahren und somit zusätzliche Erweiterungen und Investitionen notwendig. Katalysator- und „Airbag Abuse Tests“ etwa werden ebenfalls feste Programmbestandteile in Dudenhofen.

 

 

ES WERDE LICHT: AB 1997 IST DIE RUNDBAHN AUCH NACHTS BELEUCHTET

 

Insofern ist die Runderneuerung der Schnellfahrbahn 1993 lediglich der augenfälligste Meilenstein auf dem Weg, das Opel Test Center fit fürs 21. Jahrhundert zu machen. Neben einer Asphaltdecke erhält sie auch neue Leitplanken und zwei Schilderbrücken, die der Fahrerinformation dienen. Ab 1997 ist der Rundkurs voll beleuchtet, sodass nachts komplett durchgefahren werden kann.

Am 4. Dezember 1993 ist sie natürlich wieder in Betrieb. Wie geplant, auch wenn Projektleiter Gerhard Faust sich vorübergehend mal Sorgen machte. Doch auch das bringt der Job nun einmal so mit sich.

 

Scherer, Zech, Lohr

Festgäste zur 25-Jahr-Feier: Prüffeld-Chef Günter Zech (Mitte) mit Dudenhofens Bürgermeister Scherer (l.) und Opel-Technik-Vorstand Fritz Lohr.

Text: Eric Scherer; Fotos: Opel-Archiv