Wildes Dach

Nur wer auf das Werksdach steigt, kann sie sehen: die blühende Artenvielfalt, die sich dort ausbreitet.  Das Interesse des Instituts für Botanik der Universität für Bodenkultur in Wien machte darauf aufmerksam. Denn dort läuft (nach einer im Jahr 2017 vorangegangenen Studie) seit März 2018 ein Forschungsprojekt unter dem Titel „Wild Roofs“, was so viel heißt wie „Wilde Dächer“.

Ziel der Studie ist extensive Dachbegrünungen – also mit Gärtner-Unterstützung erzielte Dachvegetation mit bis zu 15 cm Substrat (= Mischung aus mineralischen Schüttstoffen und einem sehr geringen Anteil organischem Material) – mit „spontanem Vegetationsaufkommen“ zu vergleichen. „Spontan“ bedeutet in diesem Fall:  zufällig entstehender Pflanzenwuchs auf Kiesdächern.

Die Begründung: Dachbegrünungen werden aus ökologischen und anderen Gründen immer beliebter. Bisher gibt es jedoch nur wenig Wissen über die Auswirkungen von Dachbegrünungen auf die Vegetationsvielfalt in Städten.

Zwischen den Betonplatten blüht und grünt es (im Bild: Kanadisches Berufskraut/Erigeron canadensis, Kompasslattich/Lactuca serriola, Zusammengedrücktes Rispengras/Poa compressa, Quendel-Sandkraut/Arenaria serpyllifolia – vertrocknet).


Die Forscherinnen Inga-Maria Besener (links) und Julia Virgolini, beide Studierende Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Botanik der Universität für Bodenkultur in Wien.


Bäume werden nicht größer – das Wasser und die vorhandenen Nährstoffe reichen für sie nicht aus (im Bild die Botanikerinnen bei der Höhenmessung einer Silberpappel/Populus alba).

Die Forscherinnen Inga-Maria Besener und Julia Virgolini stiegen im April und im Juli auf die Dächer des Verwaltungsgebäudes und des Werks von Opel Wien und untersuchten dort akribisch die Vegetation. Die Leitung des Projekts liegt in den Händen von Dr. Katharina Lapin.

 

Zwischen den
Betonplatten

Schon bei der ersten Begehung des Dachs im Jahr 2017 (anlässlich einer Vorstudie) erlebten die Expertinnen eine Überraschung: „Auf die Betonplatten auf dem Werksdach waren wir nicht gefasst“, sagt Inga-Maria Besener. Denn eigentlich gälte ihre Studie ja der Untersuchung von Kiesdächern. Und dazu die Wahrnehmung: „Dass so viel da oben wächst, damit haben wir nicht gerechnet.“ Die Forscherinnen waren so interessiert, dass sie die Flora auf dem Werksdach untersuchten,  obwohl sie die Ergebnisse wegen mangelnder Vergleichbarkeit für die Studie voraussichtlich nicht verwenden werden können.

Die Fülle der Pflanzen auf dem Werksdach reicht vom Hungerblümchen über Spitzwegerich und Distel bis hin zum Weidenröschen. Sogar in diesem, extrem heißen Jahr 2018 ist die blühende Vielfalt beeindruckend. Im Jahr 2017 wurden rund 70 verschiedene Pflanzenarten gezählt.


Dem scharfen Auge der Botanikerinnen entgeht kein noch so kleines Pflänzchen (im Bild: Frühlings-Hungerblümchen/Draba verna, Bleiches Hornkraut/Cerastium cf glutinosum, Schneeball/Viburnum sp. – beim Maßstab und Dreifinger-Steinbrech/Saxifraga tridactylites – neben dem Bleistift).

Auch Bäume versuchen auf dem Werksdach Fuß zu fassen: Pappelgehölze, Götterbäume … „Eben Pioniergehölze“, erklärt die Expertin. „Aber sie brauchen Nährstoffe, Wasser. Wenn das fehlt, tritt Kümmerwuchs auf.“

 

Zwischen Kieseln
wächst es sich schlechter

Die Situation auf dem Dach des Verwaltungsgebäudes ist eine völlig andere. Inga-Maria Besener erklärt: „Auf diesem Dach befindet sich eine Kiesschüttung mit Grobkies, also Kieseln im Durchmesser von 20 bis 63 mm. Da gibt es überwiegend Algen und Moose. Auf anderen, älteren Kiesdächern mit mehr Staub- und Laub-Eintrag – durch die sich eine Substratschicht bilden kann – können auch Gefäßpflanzen wachsen.“

Im Vergleich zum Dach des Werks von Opel Wien ist das Dach des Verwaltungsgebäudes für die Botanikerinnen weniger faszinierend. „Auf dem Werksdach wäre es spannend unsere Forschungen fortzusetzen.“

Links:
www.wildroofs.at
https://www.instagram.com/wildroofs/


Was so alles auf dem Werksdach wächst:


Weißes Berufskraut/Erigeron annuus


Schwarzer Nachschatten/Solanum nigrum


Kanadische Goldrute/Solidago canadensis


Weg-Distel/Carduus cf acanthoides


Wilde Möhre/Daucus carota

 

Kanadisches Berufskraut/Erigeron canadensis


Kleinblütiges Weidenröschen/Epilobium cf parviflorum


Kleines Habichtskraut/Hieracium cf pilosella


V.oben: Bleiches Hornkraut/Cerastium cf glutinosum, Frühlings-Hungerblümchen/Draba verna, Quendel-Sandkraut/Arenaria serpyllifolia

Acker-Gauchheil/Anagallis arvensis


Gewöhnlicher Wasserdost/Eupatorium cannabinum


Spitzwegerich/Plantago lanceolata


Gewöhnlicher Natternkopf/Echium vulgare


Laubmoose/Bryophyta und dazwischen: Zusammengedrücktes Rispengras/Poa compressa, Dreifinger-Steinbrech/Saxifraga tridactylites


Bunt gemischt: Dreifinger-Steinbrech/Saxifraga tridactylites, Rundfrucht-Hungerblümchen/Draba boerhaavii, Zusammengedrücktes Rispengras/Poa compressa, Grüne Borstenhirse/Setaria viridis, Beifuß-Taubenkraut (Ragweed)/Ambrosia artemisiifolia


August 2018

Text: Kristin Engelhardt, Fotos: Helga Mayer