Ein Rallye-Thriller
à la Hitchcock

Es war eine echte Herkulesaufgabe, die Opel-Werksfahrer Marijan Griebel beim Finale der Rallye-Junior-Europameisterschaft (FIA ERC Junior) in Lettland zu bewältigen hatte. Ein Sieg bei der Rallye Liepāja musste her, jedes andere Ergebnis hätte die Titelträume platzen lassen! Alles oder nichts also. Und „nichts“ hatte eindeutig die besseren Karten.


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Griebels ADAM R2 „fliegt“ mit Volldampf zum Titel.

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Marijan Griebel in seinem ADAM R2.


Die Zuversicht beim 27-jährigen Polizeikommissar aus dem pfälzischen Hahnweiler hatte zuvor ziemlich gelitten: Ein Flüchtigkeitsfehler bei der Barum-Rallye Ende August in Tschechien kostete alle Chancen auf ein Top-Ergebnis bei diesem Asphalt-Klassiker, für den Griebel und sein ADAM R2 nicht erst seit ihrem souveränen Sieg auf Festbelag im belgischen Ypern als Topfavoriten gehandelt worden waren. Erster Matchball vergeben. Und zwar der zumindest formal deutlich einfachere.

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Die Rallye Liepāja: sehr schnell, sehr schwierig …

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Nun also die Rallye Liepāja: ein extrem schneller und schwieriger Schotter-Event, 13 Wertungsprüfungen über rund 200 WP-Kilometer, potenzielle Fehlerquellen an jeder Ecke. Zudem wies die Nennliste neben Opel-Teamkollege und Titelkontrahent Chris Ingram weitere superschnelle Schotter-Spezialisten aus Skandinavien und dem Baltikum aus. Auf „maximal 15 bis 20 Prozent“ hatte Griebel selbst seine Chancen taxiert: „Mir war klar: Fahre ich eine Wertungsprüfung mit weniger als 100 Prozent oder patze nur ein einziges Mal, ist der Titel weg.“ Der Plan sah demnach eine gleichermaßen simple wie hochkomplizierte Taktik vor: nicht nachdenken, sondern durchladen und einfach volle Pulle fahren. „Das hat sehr gut funktioniert“, staunte der Protagonist selber. „Die Ausgangssituation und die starke Konkurrenz haben viel Nachdenken erst gar nicht zugelassen. Außerdem war es wohl in Tschechien mein Fehler gewesen, zu viel nachgedacht zu haben. Daraus habe ich meine Lehren gezogen.“

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… und sehr staubig.


Die Rallye Liepāja war an Dramatik nicht zu überbieten. Nach der ersten Etappe über sieben Wertungsprüfungen und mehr als 100 WP-Kilometer lag Griebel am Freitagabend zwar dort, wo er liegen wollte und musste, nämlich an der Spitze des Junior-Klassements. Sein Vorsprung auf Titelkontrahent Ingram betrug allerdings ganze sieben Zehntelsekunden, also im Grunde gar nichts. Julius Tannert lauerte im dritten Werks-ADAM R2 gerade mal fünf Sekunden dahinter, die Top-Sieben waren nur um 15 Sekunden voneinander getrennt. Gewonnen war also weiterhin nichts und der Druck weiterhin extrem hoch. „Eine solche Dichte an der Spitze habe ich noch nicht erlebt“, gestand Griebel.

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Griebel und Opel:
Gemeinsam zum Erfolg

Marijan Griebel ist so etwas wie der Vorzeigepilot des gemeinsamen Rallye-Förderprogramms der Partner Opel und ADAC. 2013 gewann er die Junior-Wertung im ADAC Opel Rallye Cup, dem stärksten Rallye-Markenpokal Europas. Zur Saison 2014 wurde Griebel ins ADAC Opel Rallye Junior Team berufen und somit im Opel-Werksteam Teil der beeindruckenden Erfolgsstory des ADAM R2. Bereits in seinem ersten Jahr als Opel-Werkspilot räumte Griebel in der Deutschen Rallye-Meisterschaft groß ab und fuhr in seiner Division souverän zum Titelgewinn .
Im Folgejahr mischten der Pfälzer und sein Teamkollege Emil Bergkvist in ihren 190 PS starken ADAM R2 erstmals das Establishment in der Rallye-Junior-Europameisterschaft (FIA ERC Junior) auf . Der Schwede errang den ersten EM-Titel für Opel seit 33 Jahren, der Deutsche belegte im Feld der besten Rallye-Talente Europas Gesamtrang drei. Die „Niederlage“ gegen den Teamkollegen spornte Griebel noch mehr an: „Emil ist ein super talentierter Fahrer und brachte trotz seiner Jugend viel Erfahrung auf allen Untergründen mit. Ich hatte bis dahin erst eine Schotter-Rallye bestritten und musste das Fahren am Limit auf losem Untergrund erst verinnerlichen. Für 2016 hatte ich viel dazugelernt und glaubte deshalb an mich und meine Chance, die Meisterschaft gewinnen zu können. Und ich denke, mein Speed war auch noch nie so gut wie in in diesem Jahr.”
Opel Motorsport Direktor Jörg Schrott lobt nicht zuletzt den Fleiß seines Schützlings: „Marijan ist ein unglaublich akribischer Arbeiter, der enorm hohe Professionalität mit bedingungslosem Einsatz vereint. Er ist aber auch ein großartiger Teamplayer, der weiß, dass Erfolg nur

 

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gemeinsam entstehen kann. Wie er sich über die Jahre mit uns immer weiter gesteigert hat, verdient großen Respekt. Seine Leistung in Lettland, wo er unter unglaublichem Druck zwei Tage lang fehlerlos am absoluten Limit fahren musste, war herausragend. Er verdient diesen Europameistertitel mehr als jeder andere.“
Marijan gibt den Dank zurück: „Ich bin nun seit vier Jahren Teil der Opel Motorsport-Familie, durfte in dieser Zeit viel von Europa sehen und hatte die Ehre, mit einem der besten Teams im Rallyezirkus zusammenzuarbeiten. Die Jungs von Holzer Motorsport waren jederzeit hochprofessionell und motiviert, aber gleichzeitig auch gute Freunde. Wir haben alle zusammen viele Höhen und Tiefen erlebt. Das Ganze jetzt auf diese Art und Weise zu krönen – besser hätte ich es mir nicht vorstellen können.”

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VIDEO So holte sich der Opel-Werkspilot Marijan Griebel den Titel! 

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„Ich habe die letzten Jahre so hart für diesen Titel gekämpft!“

Selbst als Ingram in WP11 seinen ADAM R2 mit einem Problem an der Lichtmaschine abstellen musste, konnten Griebel und sein Beifahrer Pirmin Winklhofer (21, Pocking) nicht durchatmen. Denn die Abstände blieben marginal und die Situation unverändert: Jeder Sieger, der nicht Marijan Griebel hieß, hätte Chris Ingram automatisch zum Europameister gemacht.

Und dann der Schreck auf der Verbindungsetappe zur allerletzten Wertungsprüfung (WP13): ein schleichender Plattfuß hinten links. Ein Reserverad war zwar im Kofferraum des ADAM R2 vorhanden, aber der neue Reifen besaß eine härtere Mischung als die anderen drei und war darüber hinaus für die rechte Seite vorgesehen – es stimmte also auch die Laufrichtung nicht. Und das vor der mit 23,05 Kilometer drittlängsten Prüfung der gesamten Rallye. Aber die „Alles oder nichts“-Einstellung half auch diesmal. Griebel: „Ich habe mir gesagt: Wir haben es so weit geschafft, da hält uns auch kein verkehrter Reifen mehr auf. In Rechtskurven war das Handling aber, sagen wir, abenteuerlich …“

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Geschafft: Marijan Griebel und Pirmin Winklhofer auf ihrem ADAM R2.

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Im Ziel wussten Griebel/Winklhofer zwar, dass ihre Fahrt in Ordnung gewesen war – aber noch waren die in Schlagdistanz zu den Deutschen liegenden Alex Forsström (Finnland, ADAM R2) und Miko-Ove Niinemäe (Estland, Peugeot 208 R2) nicht im Ziel. Minutenlanges Bangen – und dann die Erlösung: Forsström langsamer, Niinemäe zwar schneller, aber nur um 1,5 Sekunden. Geschafft! Beim Opel-Werkspiloten brachen alle emotionalen Dämme: „In diesem Moment fühlte ich einfach nur totale Freude und wie diese riesige Anspannung von mir abfiel. Ich habe mir diesen Titel so sehr gewünscht und die letzten Jahre so hart dafür gekämpft! Dass es jetzt soweit war, machte mich überglücklich.“


 

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So sehen Sieger aus!


Marijan Griebel ist der erste deutsche Rallye-Europameister seit Armin Kremer 2001. Und damit schließt sich ein Kreis. Denn just dieser Armin Kremer zählt heute zu den engsten Mentoren und Förderern des Rallye-Nachwuchstalents. „Das ist wirklich eine schöne Geschichte“, lächelt Marijan. „Mein Vater war als Mechaniker bei Armins DM-Gewinn 1996 dabei, wo ich ihn als Siebenjähriger auch kennengelernt habe. Seit meinem Gewinn im ADAC Opel Rallye Cup 2013 unterstützt mich Armin mit seinem großen Wissen ebenso wie finanziell. Darüber hinaus ist mittlerweile eine enge Freundschaft entstanden. Er ist ein toller Kerl.“

Von der Sorte kennen wir noch einen.

 

Text: Marcus Lacroix, Fotos: Opel