Wenn gelbe Engel abfliegen

 

 


2001 war Christophorus 9 noch in einem Zelt untergebracht

2001 war Christophorus 9 noch in einem Zelt untergebracht.

HERBERGSUCHE 2001
Von wo aus soll der Hubschrauber abfliegen? war die Frage, als die ÖAMTC-Flugrettung Anfang April 2001 den Notarzthubschrauberdienst für den Raum Wien vom Innenministerium (im Rahmen eines Assistenzvertrages) übernahm. Die Flugeinsatzstelle des Innenministeriums in Wien-Meidling – von der ab 1957 die Rettungsflugeinsätze des Innenministeriums starteten – sollte fortan nur mehr für das Innenministerium zur Verfügung stehen.

Auf Wiener Stadtgebiet sollte sich der Standort befinden und für Flugzwecke gut geeignet sein, insbesondere im Hinblick auf das Einsatzgebiet im Wiener Stadtgebiet und im nordöstlichen Weinviertel. Von einem der Flak-Türme beim Augarten im 2. Bezirk war die Rede oder vom Heeresspital in Stammersdorf. Doch schließlich bot sich das Asperner Werksgelände – gleich neben dem ehemaligen Flugplatz Aspern – als idealer Standort an. ÖAMTC-Flugrettungs Chef Kurt Noe-Nordberg und Opel Austria-Generaldirektor Franz R. Rottmeyer unterzeichneten den Vertrag, binnen einer Woche wurden ein Zelt und ein Wohncontainer als Herberge für den Stützpunkt errichtet, und schon am ersten Tag im neuen Zuhause – am 1. April 2001 – hob Christophorus 9 gleich dreimal zum Einsatz ab. Generaldirektor Rottmeyer freute sich: „Wir sind das einzige GM-Werk mit einem Notarzthubschrauber.“


Christophorus 9 ist im Wiener Raum im Einsatz

Christophorus 9 ist im Wiener Raum im Einsatz.


Stützpunktleiter Captain Robert Holzinger

Stützpunktleiter Captain Robert Holzinger.

 

Hinter den Bahngleisen
Captain Robert Holzinger, seit 2005 Leiter des Stützpunkts Wien-Aspern, erinnert sich dankbar: „Über das kleine Häuschen neben den Verschubgeleisen durften wir von Opel Austria Strom, Wasser und auch einen Telefonanschluss beziehen.“ Und berichtet vom Bau des „endgültigen Stützpunkts“  bis Mai 2002 und der eigenen Zufahrt, die mit der Errichtung der Seestadt Aspern 2008 dazu kam. 2011 folgte noch eine Renovierung des Stützpunkts.

„Die Abgeschiedenheit innerhalb des Werksgeländes“, erinnert sich Holzinger, „war ein großer Vorteil, und die äußere Sicherheit, die durch die Opel Werks-Security sichergestellt wurde. Nicht zu vergessen das Essen, das wir vom Eurest-Restaurant beziehen konnten.“


Landung im Krankenhaus

Landung im Krankenhaus.

 

ZU DRITT: PILOT – NOTARZT – FLUGRETTER
Das Herz von Christophorus 9 ist das Team, das hinter den Rettungseinsätzen steht: Da ist einmal Hubschrauberpilot und Chef des Stützpunkts Captain Robert Holzinger und neben ihm die Piloten Gerald Spiess und Philipp Jelinek – die dem ÖAMTC unterstehen. Mitfliegende Notärzte (insgesamt 12) und Flugretter (insgesamt 9) zählen zur Berufsrettung Wien.

Von April 2001 bis Ende August 2016 absolvierte 24.254 Einsätze lassen die Leistungen der Rettungscrew erahnen. Captain Holzinger erklärt: „Christophorus 9 wird zum notfallmedizinischen Versorgen direkt zum Patienten alarmiert, danach folgt meist ein Transport in ein Krankenhaus. Oder wir führen Verlegungsflüge von einem Krankenhaus zu einem anderen durch. Mit der Berufsfeuerwehr Wien gibt es eine Kooperation, wo wir gemeinsam Wasserrettungen bei Ertrinkungsunfällen durchführen.“ Im Einsatzbereich von Christophorus 9 – der gesamte Großraum Wien, das nordöstliche Niederösterreich und das nördliche Burgenland – leben mehr als zwei Millionen Menschen. Das ÖAMTC-Flugrettungsteam absolviert in diesem Bereich pro Jahr rund 700 bis 800 Flugstunden; in 75 Prozent der Fälle, um vor Ort als Lebensretter zu wirken.

Ende dieses Jahres wird Christophorus 9 das Werksgelände von Opel Wien verlassen und künftig von der neuen ÖAMTC-Zentrale im 3. Wiener Gemeindebezirk aus seine Einsätze fliegen. Der neue Bewohner des Stützpunkt-Gebäudes wird das Wiener Stadtgartenamt der Magistratsabteilung 42 sein.

 


Christophorus 9: Mit der Organisation und dem Betrieb der Flugrettung wurde die Wiener Berufsrettung MA 70 beauftragt

Christophorus 9: Mit der Organisation und dem Betrieb der Flugrettung wurde die Wiener Berufsrettung MA 70 beauftragt.


Bei den Einsatzarten liegen internistische Notfälle mit über einem Drittel an der Spitze; gefolgt von Verkehrsunfällen sowie Sport- und Freizeit-Unfällen

Bei den Einsatzarten liegen internistische Notfälle mit über einem Drittel an der Spitze; gefolgt von Verkehrsunfällen sowie Sport- und Freizeit-Unfällen.

 

Entscheidende Minuten
Johann Engelmann, mit Leib und Seele Rettungsfahrer und Sanitäter beim Roten Kreuz, blickt dem nahenden Abschied von Christophorus 9 mit Wehmut entgegen. Er ist seit zehn Jahren so etwas wie der „gute Geist“ des ÖAMTC-Stützpunkts. „Für Interessenten von Polizei und Feuerwehr oder für Schulen habe ich früher immer wieder Stützpunkt-Führungen gemacht. Und wenn einmal kein Rückflug möglich war, dann habe ich mich darum gekümmert, dass das Licht abgeschaltet wird. Ich wohne ja nur vier Kilometer weiter.“

Der Logistik-Mitarbeiter weiß aufgrund seines Naheverhältnisses zu Rettung und Christophorus 9 zu berichten, dass einige Male auch Einsätze für das Werk Wien-Aspern nötig wurden: „Bei Herzinfarkten zum Beispiel.“

Wenn jede Minute kostbar ist, ist es feine Sache, wenn der Retter in nächster Nähe bereit ist. Der Ablauf: Die Werksfeuerwehr ruft die Berufsrettung an. Die Leitstelle dort entscheidet und organisiert den Einsatz. Ist ein Hubschrauber notwendig, kommt der zum Zug, der am nächsten ist. Also Christophorus 9, wenn er am Stützpunkt ist.

Captain Holzinger sagt: „Binnen zwei Minuten sind wir in der Luft, bis zum Werk brauchen wir 30 Sekunden. Also sind wir in spätestens vier Minuten beim Werk.“ Ab Jänner 2017 wird das anders.

 

 

 


ÖAMTC-Flugrettung


GELBE ENGEL
Dieser Begriff hat sich in den 50er-Jahren für die ÖAMTC-Pannenfahrer eingebürgert, die damals mit chromgelben Beiwagen-Motorrädern unterwegs waren.


CHRISTOPHORUS 9
Er fliegt Einsätze im Großraum Wien, im nordöstlichen Niederösterreich und im nördlichen Burgenland. Binnen durchschnittlich 13 Minuten (nach Alarmierung) erreicht Christophorus 9 im Zielgebiet die Einsatzorte.

Christophorus 9 fliegt Einsätze im Raum Wien, im nordöstlichen Niederösterreich und im nördlichen Burgenland


der hubschrauber
Eurocopter EC 135, zwei Turbinen als Antrieb, ca. 1.380 PS Leistung, Vierblattrotor mit 10,20 m Durchmesser und ca. 400 Umdrehungen pro Minute, 287 km/h Höchstgeschwindigkeit, 4.000 m Einsatzhöhe, 10 m/sec Steigrate, 750 km Reichweite.


DER STÜTZPUNKT
Hangar für den Hubschrauber mit eigener Tankstelle, angeschlossenes Gebäude mit Mannschaftsräumen. Der Hubschrauber kann auf einer auf Schienen beweglichen Plattform in den Hangar geschoben werden.

Der Stützpunkt aus der Luft

Der Stützpunkt aus der Luft


EINSATZZEITEN
 von 6 Uhr (im Sommer)/7 Uhr (im Winter) bis zum Sonnenuntergang


DIE CREW
Bei Einsätzen sind neben dem Piloten jeweils ein Notarzt und ein Flugretter mit dabei.

Der Pilot muss haben: Mindesterfahrung 2.000 Flugstunden, einschlägige Hochgebirgs- und Außenlasterfahrung, JAR-FCL-Lizenz und Nachtsichtflugberechtigung.

Der Notarzt muss haben: Notarztqualifikation gemäß § 40 Ärztegesetz, spezielle fachliche Kenntnisse in den Bereichen Anästhesie, innere Medizin, Traumatologie, Neurologie und Intensivmedizin,  ausreichende Erfahrung im bodengebundenen Rettungsdienst, medizinischen Eignungstest.

Der  Flugretter muss haben:  Notfallsanitäter-Ausbildung, Bergrettungs-Ausbildung, mindestens vier Jahre Tätigkeit im Rettungsdienst, medizinischen Eignungstest.


DIE MEDIZINISCHE AUSSTATTUNG des Notarzthubschraubers: Beatmungsgerät, Intensivmonitor, Absaugeeinheit, Reanimationshilfe, Injektionspumpen, Notarztrucksack. Dank der kompletten medizinischen Ausrüstung wird der Hubschrauber zum mobilen Schockraum.

 

Text: Kristin Engelhardt, Fotos: ÖAMTC