Ein Glücksfall. Für Eisenach. Für Opel.

Ein Glücksfall sei das für uns gewesen, dass Opel das Automobilwerk Eisenach übernommen und am 23. September 1992 das neue Werk eröffnet habe. Derjenige, der das 25 Jahre später am Tag der offenen Tür in Eisenach sagte, muss es wissen. Denn Dr. Wolfram Liedtke war in der aufregenden Wendezeit Geschäftsführer des Automobilwerkes (AWE) und kämpfte für den Erhalt der Automobilproduktion in Eisenach. Während mehr als 8.000 Besucher am 25. Geburtstag von Opel Eisenach über das Werksgelände flanierten sprachen die Gründungsväter Dr. Wolfram Liedtke, der damalige Opel-Vorstandsvorsitzende Louis R. Hughes und der langjährige Betriebsratsvorsitzende Harald Lieske an einem historischen Ort über die historischen Ereignisse. Die drei saßen in der Endmontagehalle nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, an der am 5. Oktober 1990, nur zwei Tage nach der Wiedervereinigung, der erste in Eisenach montierte Opel Vectra vom Band lief.

 

Die Leitung verbot Wolfram Liedtke mit Opel zu verhandeln. Er tat es trotzdem

 

Und als damals Bundeskanzler Helmut Kohl den Startknopf drückte, fiel nicht nur Louis R. Hughes ein Stein vom Herzen. Der Anfang war gemacht und von jetzt an ging es Schlag auf Schlag. Zuvor musste er aber viel Überzeugungsarbeit bei General Motors in Detroit leisten. Er selber sei schon überzeugt gewesen, als er am 7. Januar 1990 für seinen ersten Besuch im AWE bei Eisenach über die Grenze fuhr. Er sah Deutschlandfahnen an den Häusern und ein Herzlich-Willkommen-Transparent, das die DDR-Grenzposten selbst gemalt hatten. „Das Volk wollte die Wiedervereinigung, das hat mich überzeugt und tief bewegt“. Und als der Ingenieur im Werk dann noch die „gut ausgebildete Facharbeiterschaft“ sah, wusste er, „das finden wir nicht noch einmal in Europa“.

Dr. Wolfram Liedtke war in der Wendezeit Geschäftsführer des Automobilwerkes Eisenach, kurz AWE. Das DDR-Automobilkombinat hatte andere Pläne für das AWE. Da jedoch lange Zeit unklar war, wie diese Planungen aussehen und somit die Zukunft der Menschen in Eisenach unsicher war, legte Opel ein überzeugendes Konzept vor. Liedtke schaffte es daraufhin, aus dem Kombinat auszutreten und für Eisenach einen eigenen Weg einzuschlagen.


An historischer Stelle Die Gesprächsrunde fand in der Eisenacher Endmontage statt. Dem Ort, an dem am 5. Oktober 1990, nur zwei Tage nach der Wiedervereinigung, der erste in Eisenach montierte Opel Vectra vom Band lief. Moderiert wurde die emotionale wie spannende Runde von Adi Rückewold vom Radiosender Antenne Thüringen (zweiter von rechts).


Louis R. Hughes war von 1989 bis 1992 Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG. Als 1990 bei einer Betriebsversammlung in Eisenach demokratisch über das Opel-Engagement abgestimmt werden sollte, reiste Hughes extra an und beantwortete alle Fragen der Mitarbeiter. Das Ergebnis der Abstimmung:  Eine große Mehrheit war für das Opel-Engagement.

Ein Schlüsselmoment für Wolfram Liedtke, der überzeugt war, „dass das AWE-Werk auf dem freien Markt nicht wettbewerbsfähig sein wird“, war der 27. Dezember 1990. An dem Tag nahm seine Frau Zuhause in Eisenach einen Anruf vom stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden der Adam Opel AG aus Rüsselsheim entgegen: Ob Herr Liedtke denn nicht Interesse an Gesprächen mit Opel hätte. Natürlich hatte er und rief am nächsten Tag zurück. Opel aber war nicht der einzige Interessent für den Traditionsstandort, an dem 1899 der erste „Wartburg-Motorwagen“ gebaut wurde, später BMW-Sportwagen sowie bis 1991 der Wartburg 353. BMW, bis 1945 Eigentümer, hatte kein Interesse und verzichtete auf Rückübertragungsansprüche. Ein anderer deutscher Automobilbauer, der schon zu DDR-Zeiten mit dem AWE kooperierte, war der Favorit des IFA-Kombinates, zu dem das AWE gehörte.

 

Louis R. Hughes leistete in Detroit Überzeugungsarbeit. Und nicht nur dort

 

Die Kombinatsleitung verbot Wolfram Liedtke deshalb mit Opel zu verhandeln. Der tat es trotzdem und wollte trotz Kündigungsandrohung das AWE aus dem Kombinat herauslösen. Nach langem Kampf stimmte die damalige DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft seinem Antrag schließlich zu. Der Weg für Opel war frei. Schließlich testete man von 1990 bis 1992 in der Opel AWE PKW GmbH mit 200 Mitarbeitern eine auf japanischen Produktionsmethoden basierende schlanke Fertigung – dem heutigen Markenzeichen des Eisenacher Werkes.


↑ Video: Opel hat den 25. Geburtstag des Standorts Eisenach mit einem Tag der offenen Tür gefeiert.


Am 23. September 1992 war es dann soweit: Das neue Opel-Werk Eisenach wurde eröffnet und der erste Opel Astra „made in Eisenach“ lief vom Band.

Harald Lieske, Betriebsrat der ersten Stunde, erinnert sich: „Louis Hughes konnte die Mitarbeiter begeistern. Wir sahen eine Zukunft für die AWE-Mitarbeiter. Deshalb wollten wir auch nicht streiken, sondern haben mit bunten Hemden, was verboten war, auf unsere Anliegen aufmerksam gemacht.“ Mit Erfolg, aus der AWE heraus konnten 31 Unternehmen gegründet und somit ein Großteil der 9.500 Arbeitsplätze gesichert werden.

 

„Wir streikten nicht, sondern machten mit bunten Hemden auf unser Anliegen aufmerksam.“

 

Heute, nach über drei Millionen in Eisenach gefertigten Opel-Fahrzeugen, bauen rund 1.800 hochqualifizierte Mitarbeiter in einem hochmodernen Werk am Fuße der Wartburg den Corsa und den ADAM. „Stellvertretend“ für sie und die damaligen Mitarbeiter nahm Wolfram Liedtke am Ende des Festaktes sichtlich gerührt die Ehrenmedaille der Stadt Eisenach „Für besondere Verdienste und persönlichen Einsatz zum Wohle der Stadt Eisenach“ entgegen. Anschließend folgte der Eintrag in das goldene Buch der Stadt.

Auf dem Abschlussbild vereinten die drei Protagonisten noch einmal ihre Hände. Nicht nur symbolisch. Sie waren damals zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und trafen die richtigen Entscheidungen. Ein Glücksfall. Für Eisenach. Für die Menschen. Für Opel. Für die Zukunft.

Harald Lieske war einer der ersten AWE-Mitarbeiter, die im September 1990 bei Opel in Eisenach anfingen. Ab 1991 war er Betriebsratsvorsitzender und ab 1998 Mitglied des Aufsichtsrats der Adam Opel AG. Im Juni 2013 ist Lieske in die passive Phase der Altersteilzeit eingetreten.


Vereint Sie waren damals zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und trafen die richtigen Entscheidungen: Louis Hughes, Harald Lieske und Dr. Wolfram Liedtke (von links).