Hüter der Tradition

Die Geschichte
der Schwarzen Witwe

1967 mischte Opel durch einen auf Basis des Rekord C entworfenen Renntourenwagen den Motorsport auf – mit 180 PS und dem jungen Niki Lauda am Steuer. Das Auto wurde ein sehr erfolgreicher Porsche-Jäger mit dem Spitznamen Schwarze Witwe.

Doch plötzlich war das Fahrzeug weg – vermutlich gestohlen vom Hof des Opel-Händlers und Renn-Teamchefs Kurt Bergmann.

Ein Film erzählt vom Mythos des Originalwagens und stellt den Nachbau vor.

www.youtube.com/watch?v=KZ00IC0jEQs

Seine Sammlung von Unterlagen, meist im Internet oder auf Oldtimer Treffen ersteigerter, gekaufter oder getauschter Originale und Kopien, ist wohl einzigartig. Und wenn jemand eine Frage zur Historie des Opel Designs hat, dann ist er eine hervorragende Quelle, um Antworten zu finden. Der 47 Jahre alte Opel Classic-Mann hat seinen Beruf zum Hobby gemacht und schwärmt von den großen Zeiten, dem Beginn des experimentellen Designs während der frühen sechziger Jahre in Rüsselsheim. Er selbst war damals noch gar nicht auf der Welt. Geboren als Sohn einer Deutschen und eines amerikanischen Luftwaffen-Offiziers, holte er Ende September des Jahres 1967 im südlichen Kalifornien zum ersten Mal tief Luft.

 

Treffen mit den Idolen


Aber getroffen hat er viele seiner Idole, die sich nach ihren gelungenen, oft auch mutigen Entwürfen für die Zukunft der Marke mit dem Blitz, im wohlverdienten Ruhestand gerne an die alten Zeiten erinnern. „Das sind immer wieder großartige Erlebnisse und Erfahrungen, wenn ich mit Designern wie Erhard Schnell, Hideo Kodama, Rainer Schmidt, George Gallion oder Murad Nasr zusammentreffe. Alle haben sie viel zu erzählen und je tiefer man in das Thema Design eintaucht, umso offensichtlicher wird, warum die Autos damals so ausgesehen haben“, sagt Cooper und sucht gleichzeitig immer das Gespräch mit den derzeitigen Designern, denn auch die kommen manchmal in die Klassik Sammlung, um sich inspirieren zu lassen.

 


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Coopers früherer Arbeitsplatz im H32: Mit zwei Azubis ist er mit einem Restaurierungsprojekt beschäftigt. Das Trio montiert eine Luftschraube (Propeller) an einen Opel-Flugmotor (16 Liter Hubraum) aus dem Jahr 1916.



Als die Familie nach dem Ende der Zeit des Vaters bei der Air Force wieder nach Deutschland kam, war Jens sieben Jahre alt und ging in die Grundschule im oberhessischen Allendorf. Zu Hause wurde grundsätzlich englisch gesprochen, nur kurze Zeit brauchte der gelehrige Schüler, um auch die deutsche Sprache akzentfrei zu beherrschen. 1977 folgte der Umzug ins Rhein-Main-Gebiet und nicht lange darauf begann Cooper auf Empfehlung des Vaters eine Lehre als Werkzeugmacher bei Opel in Rüsselsheim. „Das war auch mein Wunschberuf, denn für Autos habe ich mich immer interessiert und schon früh mit dem Modellbau angefangen“, erzählt er.

 

Geschickte Hände, geeignet für die historische Sammlung

Seine Geschicklichkeit brachte ihm bald nach Abschluss der Lehrzeit eine Sonderstellung ein: Er fertigte Schaustücke von Motoren und Getrieben an, die als hochglanzpolierte Schnittmodelle auf Messen oder Ausstellungen einen Einblick in das Innenleben des Kurbelgehäuses oder der Brennräume gewährten. Auch arbeitete er bereits damals der Oldtimer-Abteilung zu, wenn es um die Neuanfertigung filigraner Bauteile ging, die auf übliche Weise einfach nicht mehr zu beschaffen waren. Das ebnete kurz darauf den Weg in die historische Sammlung, die heute als Opel Classic firmiert.


 

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Für Cooper ist es bis heute der Traumjob. „Mich hat dann auch der Blick hinter die Kulissen interessiert, und was ich da alles in den Archiven gefunden habe, ist ganz einfach sagenhaft.“ Es macht ihm Spaß, das Puzzle der Opel-Geschichte zusammen zu setzen. Denn viel zu viel geht verloren, wenn Opelaner in den Ruhestand gehen, die Firma verlassen oder gar sterben. Anhand von Gesprächen, Beobachtungen und alten Unterlagen ist es ihm gelungen, Entwicklungsprozesse einzelner Konzeptfahrzeuge und Studien, aber auch die Inspiration bei der Formgebung von Serienmodellen, eindringlich nachzuvollziehen und diese Hintergründe zum Beispiel für die Jubiläumsfeier des Design Centrums zu dokumentieren.

 

Schillernde Figuren, spannende Biografien

Aber Jens Cooper wollte mehr. Er nahm Urlaub um die Recken des früheren Opel Designs zu treffen, reiste ihnen hinterher, recherchierte, wo er sie finden kann. „Bei einigen war das ganz leicht, denn Menschen wie George Gallion oder Hideo Kodama haben sich so in die Region hier verliebt, dass sie nach ihrem Ausscheiden bei Opel dageblieben sind.“ Kodama lebt in Mainz, Gallion in Wiesbaden, es gibt regelmäßige Stammtische, bei denen Cooper öfter dabei sitzt und wissbegierig in ihren Erzählungen die alten Zeiten wieder aufleben lässt. Das sei wichtig, sagt er, denn die Altvorderen sind teils schon sehr ehrwürdige Senioren. Und allmählich verabschieden sie sich. Wie etwa eine der wohl schillerndsten Figuren aus früheren Design-Zeiten.


Porträt des Opel Classic Mitarbeiters Jens Cooper

Zwei Botschafter der Marke: Jens Cooper und die von ihm nachgebaute Schwarze Witwe.


 

Die Hinterachsaufhängung skizzierte ihm Lapine auf einem Speiseplan.

Anatole Lapine war nur vier Jahre im N 10, wo die Studios bis heute ihren Standort haben. In dieser Zeit jedoch hat er zahllose Entwürfe erstellt, die Kreativität seiner Leute da gefördert, wo er formale Chancen sah und dort gebremst, wo sie über das Ziel hinausschossen. „Lapine war ein echter Self-Made-Man, stammte aus Riga von wo er bei Kriegsende floh“, sagt Cooper. „Aber er hat hat es immer verstanden die richtigen Teams um sich zu bilden und die Entwicklung in die richtigen Wege gelenkt.“ Lapine ging später zu Porsche. Unlängst ist Anatole Lapine verstorben, vorher hat ihn Jens Cooper im Senioren-Wohnsitz in Baden Baden besucht. Und wichtige Details mitgenommen. Die Hinterachsaufhängung des auf dem Rekord C basierenden Tourenrennwagens, der als „Schwarze Witwe“ Sportgeschichte schrieb, skizzierte ihm Lapine auf einem Speiseplan. Cooper konnte den Aufbau des Oldie-Racers in der Classic Werkstatt originalgetreu neu anfertigen.


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Seele und Beine baumeln lassen: Das tut Jens Cooper in seiner Wohnung in Flörsheim. Doch selbst dort sammelt er Schmuckstücke aus dem Opel-Kosmos.



Die Zuneigung ist dabei nicht einseitig, Jens Cooper zeigt ein Foto von ihm mit Lapine, an einem Marmortisch sitzend, der heute das Domizil des Classic-Experten schmückt. Ohnehin wirkt die Wohnung in Flörsheim – wo einst wütende, um ihre Arbeit bangende Schneider den Nähmaschinenfabrikanten Adam Opel mit Steinwürfen empfangen haben –, wie ein Tempel der Reminiszenz an die sechziger Jahre. Bauhaus-Möbel, alles schlicht und dennoch von zeitloser Eleganz. An den Wänden Aufnahmen von Gebäuden: Mies van der Rohe, Richard Neutra, Eero Saarienen, John Lautren – Cooper schätzt expressive Architektur.

 

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„Es ist wichtig, dass dieses Wissen der früheren Designer nicht verloren geht, es gibt noch zu viele Geschichten zu erzählen, als dass man die Bücher einfach zuschlagen könnte“, sagt der Classic-Mann, dessen historische Recherchen durchaus für eine Promotion taugten.  Darüber brauchen wir heute Klarheit, morgen ist es vielleicht schon zu spät dafür, weil die Quellen auf immer verstummt sind.

 

Oldies aus den Sechzigern sind die attraktivsten


Noch ein Hobby hat Jens Cooper: Oldies aufspüren und sie restaurieren. „Ich kann das jedem nur raten, der Spaß an alten Autos findet. Die aus den Sechzigern und siebziger Jahren eignen sich am besten dafür.“ Denn die Vorkriegswagen seien schwierig zu fahren, die neuen noch nicht so weit, wenn sie mit ihrer ganzen Elektronik denn überhaupt als Youngtimer attraktiv sind. Die Herrenfahrer, die sich für alte Bugattis oder Bentleys interessieren, die würden langsam aussterben, in diesem Bereich der Sammler sei kein Nachwuchs in Sicht, so Cooper. Das würde außerdem zu einer erheblichen Wertsteigerung der Nachkriegsfahrzeuge führen, die zurzeit noch halbwegs erschwinglich sind. Gut, dass Opel eine bestens sortierte Sammlung dieser Traditionsmodelle hat. Und das es Menschen wie Jens Cooper und seine Kollegen gibt, die sich darum kümmern.


November 2014

Text: Michael Kirchberger, Fotos: Alex Heimann