„Die Mitarbeiter sind das
Rückgrat unseres Werkes“

 „In der Opel-Welt ist Eisenach mein Heimatwerk.“

Herr Ruts, was war Ihre Reaktion, als man Ihnen den Job des Werksleiters in Eisenach angeboten hat?
Soll ich da ehrlich drauf antworten (lacht)? Ich war gerade zehn Monate in Kaiserslautern als stellvertretender Werkleiter für die Produktion verantwortlich und hatte mich richtig gut eingearbeitet. Als mich unser Manufacturing Director Peter Thom fragte, ob ich nach Eisenach gehen möchte, war mein erster Gedanke: Wow, wirklich? Ich bin vor vier Jahren aus Eisenach als Abteilungsleiter weggegangen und sollte jetzt als Werksleiter wieder kommen – das war ein toller Gedanke. Ich habe immer gesagt, dass ich irgendwann nach Eisenach zurückgehen würde.

Warum?
In der Opel-Welt ist Eisenach mein Heimatwerk. Hier habe ich alles gelernt, was ich über das Autobauen weiß. Ich bin damals wunderbar empfangen worden. Ich war ja erst 25. Hier habe ich Deutsch gelernt – und ich kenne die Stadt sehr gut. Da stellt sich ein Heimatgefühl ein, auch wenn ich mich in Rüsselsheim und Kaiserslautern ebenfalls wohl gefühlt habe.


Zur Person

Pieter Ruts (33) ist seit dem 1. September neuer Werksleiter für das Fahrzeugwerk im thüringischen Eisenach. Er hat die Nachfolge von Elvira Tölkes angetreten. Elvira Tölkes wechselte in die Unternehmenszentrale nach Rüsselsheim und ist dort als Quality, Europe, Vice President, für die Qualität aller Fahrzeuge von Opel/Vauxhall verantwortlich.
Pieter Ruts war zuletzt Fertigungsleiter von Opel Kaiserslautern und trug zuvor drei Jahre lang in Rüsselsheim Verantwortung für den Bereich Fertig- und Endmontage. Das Werk Eisenach kennt der aus Belgien stammende Ruts gut: Hier baute er in den Jahren 2007 bis 2011 in mehreren Management-Funktionen seine Kompetenzen aus. Zu Opel kam Ruts, der einen Master-Abschluss in TEC-Computer Sciences der Universität Gent besitzt, im Jahr 2005.

 


„Da ich jünger bin als andere, die diese Position begleiten, habe ich vielleicht einen anderen Blick auf die Dinge.“

Also mussten Sie gar nicht lange überlegen?
Nein, am Freitagvormittag hatte ich das Angebot bekommen, am Wochenende habe ich es mit meiner Lebensgefährtin besprochen und am Montag zugesagt. Werksleiter zu sein ist natürlich eine ganz andere Aufgabe, als die Dinge, die ich bisher getan habe. Man macht Sachen, wie dieses Interview beispielsweise, die man als stellvertretender Werksleiter nicht getan hat. Wir haben Spenden für Flüchtlinge und soziale Einrichtungen übergeben, der Ministerpräsident von Thüringen war schon unser Gast.

 

Diese Aufgaben müssen Sie jetzt nebenbei erledigen.
Die Organisation in Eisenach ist sehr stark. Unsere Mitarbeiter kennen ihre Jobs sehr gut und wissen genau, was zu tun ist, damit die Produktion reibungslos läuft. Niemand wartet darauf, bis ihm ein Vorgesetzter sagt, schaut doch mal nach der Linie. Das Werk läuft. Deswegen muss ich mich auch nicht den ganzen Tag um die Produktion kümmern. Aber natürlich werden wichtige Entscheidungen mit mir abgestimmt.

 

Sie sind der jüngste GM-Werksdirektor in Europa. Ist es ein Thema, dass viele Mitarbeiter, auch in der Führungsebene, älter sind als Sie?
Umstellen muss ich mich nicht. Ich kenne es nicht anders. Seit meinem ersten Arbeitstag bei Opel waren immer schon alle Mitarbeiter und Führungskräfte älter als ich. Aber natürlich ist dieser Wechsel mit 33 Jahren etwas ganz Besonderes für mich. Die Medien in Deutschland und Belgien fanden dieses Thema ja auch sehr spannend.

 

Es ist ja auch eine Anerkennung. Sie müssen in jungen Jahren schon eine Menge Verantwortung übernehmen.
Auch wenn ich relativ jung bin, stellt man an mich natürlich, oder gerade, die gleichen Erwartungen wie an erfahrenere Kollegen. Ich habe in meinen zehn Jahren bei Opel neun Jobs gemacht. Das heißt, ich habe bisher viel mehr von Opel bekommen, als ich geben konnte. In diesem Sinne bin ich dem Unternehmen sehr dankbar. Da ich jünger bin als andere, die diese Position begleiten, habe ich vielleicht einen anderen Blick auf die Dinge und bringe neue Ideen und Ansätze ein. Das ist nicht unbedingt bequem für den Einzelnen, aber ich denke, für die Weiterentwicklung einer Organisation kann es nur gut sein, eingefahrene Dinge neu zu bewerten und vielleicht anders zu gestalten.


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Von 2007 bis 2011 bekleidete der gebürtige Belgier diverse Management-Funktionen in Eisenach.

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Nach Stationen im Werk Rüsselsheim und im Werk Kaiserslautern ist er nun nach Thüringen zurückgekehrt.


„Ich möchte wieder für Aufbruchsstimmung sorgen, den Leuten das Gefühl geben, dass jeder etwas ändern, etwas beitragen und mitgestalten kann.“

Können Sie das an einem Beispiel erklären?
Vieles wird seit Jahren gleich gemacht. Ich hinterfrage das einfach. Nur weil man es immer so gemacht hat, heißt es ja nicht, dass es anders nicht noch besser geht. Ein kleines Beispiel: Ich habe im Peoplefinder gesehen, dass die Bilder aus den 90er Jahren stammen und aktualisiert werden müssen, also haben wir das in die Hand genommen. Und wir setzen Dinge spontan um: Für Flüchtlinge haben wir zwei Container am Werkseingang aufgestellt, damit die Mitarbeiter Kleidung auf dem Weg zur Arbeit spenden können. Eine Woche später waren die Container voll. Wir bieten an produktionsfreien Tagen Trainingsprogramme für die Fachvorgesetzten und Teamsprecher an. Wir möchten das Erscheinungsbild unseres Werkes insgesamt verbessern. Daran arbeiten wir jetzt sehr intensiv.

 

Ihr Heimatland Belgien ist derzeit in der Fußballweltrangliste die Nummer 1. Was ist Ihre Zielstellung für das Eisenacher Werk?
Genau, wir sind die Nummer 1 im Fußball! Schön, dass es auch außerhalb Belgiens registriert wird. Um ihre Frage zu beantworten, möchte ich zunächst etwas zurückgehen in die Geschichte des Werks. Denn Eisenach war von Anfang an das Werk mit dem neuesten Produktionssystem. Viele Kollegen aus der ganzen Welt sind hierhergekommen, um sich das anzusehen und während eines Trainings den Produktionsprozess „live“ zu erleben. Mittlerweile haben auch die anderen GM-Werke unsere Prozesse integriert. So ist uns in den vergangenen Jahren dieses Alleinstellungsmerkmal etwas verloren gegangen. Das müssen wir wieder stärker herausarbeiten.

 

Wie wollen Sie das erreichen?
Zunächst bleibt festzuhalten: Ein großes Alleinstellungsmerkmal haben wir nach wie vor – unser ADAM in all seiner Vielfalt. Wir haben, um ihn fertigen zu können, in Eisenach Prozesse entwickelt, die bisher im Unternehmen einmalig sind – Stichwort Zweifarblackierung, Personalisierung, Logistik-Konzept. Aktuell haben wir eine Zeit der – ich nenne es mal – Stabilisierung der Prozesse. Doch es tut sich auch einiges. Wir haben die dritte Schicht eingeführt. Die neuen Mitarbeiter können eine Inspiration sein. Außerdem geht unser Blick in die Zukunft: Wir denken darüber nach, was in den nächsten fünf bis zehn Jahren wichtig für Opel Eisenach ist. Der Arbeitsprozess ist schnelllebig. Man muss sich dabei auch einmal ganz bewusst rausziehen, um Neues zu entwickeln. Ich möchte wieder für Aufbruchsstimmung sorgen, den Leuten das Gefühl geben, dass jeder etwas ändern, etwas beitragen und mitgestalten kann. Wenn ich das vermitteln kann, ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung.

 

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„Natürlich ist dieser Wechsel mit 33 Jahren etwas ganz Besonderes für mich.“ Pieter Ruts im Interview mit der Opel Post.

 

Was ist Ihre Botschaft an die Mitarbeiter?
Wir haben 1800 Mitarbeiter mit sehr viel Erfahrung. Meine Botschaft an sie ist: ‚Ihr seid das Rückgrat unseres Werkes!’ Es geht darum, gemeinsam mit unserer erfahrenen Eisenacher Mannschaft unsere Prozesse weiterzuentwickeln, um im Fokus für Innovationen und Prozessentwicklung zu bleiben. Daran werden wir weiterarbeiten. Das Wichtigste für mich ist zudem die weitere Verbesserung der Arbeitssicherheit, und das geht nur, wenn die Leute auf sich und auf andere aufpassen. Viele denken, das müsste der Vorgesetzte machen, dem ist aber nicht so. Dieses Bewusstsein für das eigene Handeln in puncto Sicherheit müssen wir schärfen.

 

Was macht denn der Werksleiter in seiner Freizeit?
Am liebsten fahre ich mit dem Mountainbike auf dem Rennsteig. Beim Joggen wird es mir nach zehn Kilometern doch schon mal schnell langweilig.

 

Herr Ruts, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Stand November 2015

Interview: Jens Hirsch, Fotos: Marcel Krummrich