Vom Zeitgeist und Marterstrecken


Unterwegs in die Zukunft
viel Mensch, weniger Auto


Opel ist mehr als nur Auto. Diesen an sich sehr modernen Gedanken hatten die Redakteure der Opel Post offenbar schon 1957, als sie ihre November-Ausgabe gestalteten. So richtig was Automobiles gibt‘s fast nur auf der Titelseite zu sehen: Ein Kapitän rollt, die Haifischzähne seines Kühlergrills chromblitzend gebleckt, über eine herbstliche Alleenstraße. Außerdem findet sich im Blatt eine bildbetonte Reportage über das damalige Rüsselsheimer Prüffeld. Ansonsten geht es in der Ausgabe viel ums menschliche, insbesondere betriebliche Miteinander. Unter anderem schwört die Redaktion die Belegschaft ein, das deutsche Wirtschaftswunder weiter voranzutreiben. Und blickt interessiert über sämtliche Tellerränder, widmet sich neuen Techniken der Herzchirurgie ebenso wie dem legendären Londoner Hyde Park. Es gibt viel zu entdecken.


Das Opel-Prüffeld in Rüsselsheim.

Laubfrösche in ihrem Element.


Zehn gute Jahre sind genug?
Wir stehen erst am Anfang!


Ist irgendjemand unzufrieden? Denkt, dass seine Arbeit nicht gerecht entlohnt wird, oder sogar: „Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer“? Noch fataler: Glaubt irgendjemand, es sei in den ersten Nachkriegsjahren so gut gelaufen, da könne man doch auch mal ein kleines Päuschen machen? All denen ruft die Opel Post zu: „Wir stehen erst am Anfang!“, und zeigt auf einer Doppelseite mit einprägsamen Illustrationen auf, dass der Aufstieg der Wirtschaftsmacht Deutschland zwar stark begonnen hat, aber längst noch nicht auf dem Gipfel angelangt ist: Die Löhne seien in den vergangenen zehn Jahren stärker gestiegen als die Preise, die Deutschen leisteten sich Waschmaschinen, Kühlschränke, Fotoapparate, Urlaubsreisen und natürlich Autos wie nie zuvor. Die D-Mark sei hart und rund und auch im Ausland genieße die Nation zunehmend wieder Ansehen und Vertrauen. Die Parole könne daher nur lauten: Weiter so!


„Wir sind im Bild“
50er-Jahre Zeitgeist pur


Dieser Opel, Baujahr 1910, nimmt an einem Veteranenkorso in Berlin teil.

Nichts führt so eindrucksvoll ins Flair der 50er-Jahre zurück wie die Rubrik „Wir sind im Bild“. Autos gibt es auch hier diesmal nur eines zu sehen: Ein Opel, Baujahr 1910, der an einem Veteranenkorso in Berlin teilgenommen hat. Ansonsten präsentiert der Bilderbogen beispielsweise Schnappschüsse vom Bunten Abend der Frigadaire-Produktion, von durchs Herbstlaub tobenden Kindern, Wildschweinfrischlingen, von Besuchen in Kindertagesstätten sowie einer schönen Winzerin.

Die Weinlese in den heimatlichen Weinanbaugebieten.


„Sozialer Klimbim“?
lässt sich automatisch regeln


In der Öffentlichkeit des Jahres 1957 ist eine Diskussion entbrannt, ob und wie viele „Sozialeinrichtungen“ ein Industriebetrieb seinen Mitarbeitern anbieten muss. Opel Post-Zeichner Michael Schiff karikiert den Streit um den „Sozialen Klimbim“ mit dem Entwurf einer „Sozialmaschine“.

Sie verfügt unter anderem über eine „Ehr“-Condition, versorgt über die integrierte „Super-sozial-Electronic 300“ die Kinder berufstätiger Eltern und gestaltet sogar die Freizeit der Mitarbeiter vollautomatisch. Skurril.


martern anno 1957
Mess mal, wie der federt


Die Marter eines Kapitäns auf dem Prüffeld in Rüsselsheim.

Einfallsreiche Messmethodik: Die Lichtlinien bei Nacht lassen Rückschlüsse auf die Fahrwerksfederung zu.

Das Opel-Testzentrum in Rodgau-Dudenhofen ist 1957 noch Zukunftsmusik. Dauerversuche werden auf dem Prüffeld in Rüsselsheim gefahren. Der Opel Post-Fotograf hat der 150.000 Quadratmeter umschließenden Anlage einen Besuch abgestattet und starke Bilder mitgebracht. Zu sehen ist die Marter eines Kapitäns über Höckerbahnen, „Waschbretter“ und Gefällstrecken mit bis zu 30 Grad Neigung. Interessant ist auch der Einblick in die damalige äußerst einfallsreiche Messmethodik. So wurden Fahrten über die „Balkenstrecke“, die holprige Bahnübergänge nachempfindet, vorzugsweise nachts anberaumt. Am Versuchsfahrzeug waren in verschiedenen Höhen Lämpchen angebracht, die „Lichtlinien“ erzeugten. Während der Fahrt über die Balkenstrecke wurde der Bewegungsverlauf dieser Linien dokumentiert, sodass sich Rückschlüsse darauf ziehen ließen, wie gut das Fahrgestell die Stöße abfederte, die von der Straße auf den Fahrgastraum einwirkten.


 


Stand November 2017

Text: Eric Scherer