Junge Talente zu Gast bei Opel

Ob es in seinem Leben auch mal Momente gab, in denen er gar nicht mehr weiter wusste. Christian Müller überlegt einen Moment. Nein, einen so extremen Moment habe er glücklicher Weise nie erlebt – „aber es gab schon Situationen, die schwierig waren“. Während des Studiums etwa, wenn er hinter Professoren herlaufen musste, um sie von seinen Ideen zu überzeugen. Aber auch später bei Opel gab es den einen oder anderen Punkt, in dem sein Werdegang eine andere Richtung hätte nehmen können. Etwa, als er vor Jahren gefragt wurde, ob er sich nicht in den USA für weitere Führungsaufgaben qualifizieren wolle.

 


„Ich steckte hier in Rüsselsheim
in so vielen spannenden Projekten,
die wollte ich nicht aufgeben.“


Christian Müller


 

Dieses einjährige Zusatzstudium in Flint/Michigan galt als absolut unerlässlich für alle, die es im Unternehmen weiter nach oben bringen wollten. Vom Verstand her hätte er dieses Angebot niemals ablehnen dürfen, aber der Bauch sagte nein: „Ich steckte hier in Rüsselsheim in so vielen spannenden Projekten, die wollte ich nicht aufgeben.“ Seinem Berufsweg geschadet hat diese Entscheidung „gegen den Strom“ nicht. So hätte es aber nicht zwingend laufen müssen, ergänzt Christian Müller schnell. Viele Faktoren können die Richtung bestimmen. Es brauche immer auch Glück, auf die richtigen Förderer zu treffen, aber auch das Glück, „genau zu wissen, was man will“.

An diesem Abend im Oktober stellt sich der Geschäftsführer Engineering Fragen, die er sonst selten zu hören bekommt. Die Runde besteht aus 20 Studenten und jungen Ingenieure, die dem „Verein Deutscher Ingenieure“ (VDI) angehören.

Opel in besonderem Licht – zu erleben beim „VDI Technik-Dinner“.


 

Das Konzept des
„VDI Technik-Dinner“

Mit der Veranstaltungsreihe bringt der „Verein Deutscher Ingenieure“ (VDI) Berufseinsteiger mit Führungskräften aus der Wirtschaft und potenziellen Arbeitgebern in Kontakt. Organisiert werden die exklusiven Abendveranstaltungen in Kooperation mit Partnern aus der Wirtschaft. Neben der Möglichkeit, sich über Unternehmen zu informieren, steht vor allem eins im Vordergrund: Lernen von den Besten!

Auch schwierige Situationen musste er bewältigen: Christian Müller, Geschäftsführer Engineering, gab Einblicke in seinen Karriereweg.

Die Organisatoren: Rico Gottschalk und Soenke Ohls (rechts) vom „Verein Deutscher Ingenieure“.


Philine Stark, 27, studiert
Elektrotechnik in Darmstadt

„Mich hat besonders bewegt, wie Christian Müller davon sprach, was für ein großes Glück es ist, auf seinem Weg exakt zu wissen, was und wohin man will. Er wusste dies ja schon sehr früh im Leben. Ich habe dafür eine Zeit lang gebraucht und erst vor zwei, drei Jahren erkannt, in welche Richtung ich gehen will.“

Rico Gottschalk, Vorsitzender des VDI-Arbeitskreises „Junge Ingenieure Frankfurt-Darmstadt“, ist mit ihnen nach Rüsselsheim gekommen, um einmal auf ganz besondere Art und Weise Opel von innen zu erleben. Organisiert hat er den Abend gemeinsam mit Sönke Ohls, Gruppenleiter im Opel Quality Engineering in Rüsselsheim. Als Vorstandsmitglied vertritt Ohls den VDI-Bezirksverein Frankfurt-Darmstadt e.V. als Gesellschafter der Unternehmenskontaktmesse „konaktiva“ in Darmstadt und Dortmund.

Die Gäste erleben dieses „VDI Technik-Dinner“ mitten im Gedächtnis der Automobilproduktion, der Opel Classic-Werkstatt. Zuvor hat deren Leiter Uwe Mertin sie durch 156 Jahre Unternehmensgeschichte geführt, angefangen bei Nähmaschinen und Fahrrädern über Lutzmann, Laubfrosch und RAK 2 bis zu Kadett, Opel GT und Calibra. Gekrönt wurde der Rundgang mit einem Abstecher ins Untergeschoss, wo Concept Cars und andere seltene Exponate lagern.

 


„Mein Ziel war, einmal als Chefingenieur ein Auto wie den Insignia zu verantworten. Heute bin ich Chefingenieur aller Opel-Ingenieure.“


Christian Müller


 

Christian Müller hatte sich bereit erklärt, ergänzend dazu eine „menschliche“ Innenansicht von Opel zu ermöglichen – unter den übergeordneten Fragen: „Wie gelangt man eigentlich an die Spitze eines so großen Unternehmens? Folgt man dazu einem Karriereplan, den man irgendwann einmal geschmiedet hat?“

Auf den ersten Blick mutet der Berufsweg des heutigen Geschäftsführers Engineering so geradlinig an, „wie es heute eigentlich unüblich ist“, so der 49-Jährige. Geboren in Rüsselsheim, war seine Affinität zu Opel schon früh gegeben, auch wenn er keine familiären Beziehungen zum Unternehmen hatte: Doch seine Mutter legte ihm später Skizzen von Autos vor, die er schon als Dreijähriger angefertigt hatte. Lange hat es dann auch nicht mehr gedauert, bis er den Entschluss, Automobilingenieur zu werden, ganz bewusst fasste. Und da er in seiner Schulzeit auf dem Weg nach Mainz ins Gymnasium täglich am Opel-Werk vorbeifuhr, war ihm bereits früh klar, wo er nach seinem Studienabschluss an der Technischen Universität Darmstadt auf der Suche nach Beschäftigung seine Ansprechpartner suchen würde.


Uwe Mertin führte die jungen Ingenieure durch die Opel Classic-Werkstatt.

Der Monza Concept beflügelt: Die Gäste gingen auf Tuchfühlung.

 


Nahid Miah, 28, studiert Maschinenbau in Frankfurt

„Mir hat besonders der Satz imponiert, den Christian Müller auf die Leinwand geworfen hat: Du bist niemals zu wichtig, um nett zu den Leuten zu sein.‘ Das will ich auch auf meinem Berufsweg beherzigen. Das zeugt von Bodenständigkeit. Überhaupt war es ein tolles Erlebnis, einmal einen Abend im Heiligsten des Unternehmens zu verbringen. Das habe ich als unheimlich authentisch empfunden.“


Einblicke: Die jungen Ingenieure erfuhren Wissenswertes zum Konzeptfahrzeug Opel CD von 1969.


Einmal Geschäftsführer eines solchen Unternehmens zu werden, ließe sich so natürlich nicht planen. „Bei jeder Aufgabe, die ich übernahm, hatte ich eigentlich immer das Gefühl, sie für lange Zeit auszuüben.“ Die einzelnen Weichenstellungen ergaben sich dann nach und nach. „Mein Ziel war, einmal als Chefingenieur ein Auto wie den Insignia zu verantworten“, erzählt Christian Müller. „Heute bin ich nun Chefingenieur aller Opel-Ingenieure.“

 


„Wer nur mit der Opel-Brille unterwegs ist, wird sich verfahren.“


Christian Müller


 

Wichtig sei, nicht „in Silos“ zu leben und sich den Blick über den Tellerrand zu wahren. „Wer nur mit der Opel-Brille unterwegs ist, wird sich verfahren.“ Und sich auch in einem so fest gefügten Tagesablauf wie seinem wenigstens kleine Freiräume zu wahren. Nicht zu vergessen, die berühmte „Work-Life-Balance“, die jeder für sich selbst finden müsse. „Ich zum Beispiel habe keine Probleme, auch noch spät am Abend oder im Urlaub Emails zu beantworten – lange Telefonkonferenzen müssen da aber nicht mehr sein.“ Ebenso wichtig: „Jemanden zu haben, der einen immer wieder erdet. Bei mir ist das meine Frau.“

Neben diesen persönlichen Fragen stand der Geschäftsführer auch zu jeder Menge „dienstlicher“ Angelegenheiten Rede und Antwort. So bekamen die Besucher etwa über die Zukunft der Elektromobilität oder der Erschließungen neuer Märkte Einschätzungen zu hören. Sie rundeten einen besonderen Abend ab, der den Nachwuchskräften einmalige Innenansichten in mehreren Hinsichten beschert hat.



Sven Wagner, 32, arbeitet als Teamleader beim
Automobil-Zulieferer Mitsuba in Frankfurt


Mich hat besonders beeindruckt, wie Christian Müller für flache Hierarchien eintritt. Bei Opel soll selbst der einfache Sachbearbeiter den obersten Vorgesetzten jederzeit ansprechen können, und seine Meinung wird gehört und geachtet. Diese Einstellung kenne ich nur von Start-ups. Ich hätte nicht gedacht, dass dies in so einem großen Unternehmen möglich ist.“


 

November 2018

Text: Eric Scherer, Fotos: Mario Andreya