So weit die Füße tragen

Geredet wird viel über ihn, überwunden hat ihn angeblich jeder schon mal, aber wie sieht er eigentlich aus? Und wie groß ist er wirklich? „Ziemlich groß“, weiß Danya di Luca jetzt. Denn die Opel IT-Expertin hat ihn unlängst kennengelernt, den „inneren Schweinehund“. Nach rund 60 Kilometern Fußmarsch, als ihre beiden Mitläufer aufgaben. „Da ist die Versuchung groß, ebenfalls abzubrechen.“ Erst recht, da noch 40 Kilometer vor ihr liegen, was bedeutet: Noch mindestens acht Stunden laufen. Besonders demotivierend: Einer der beiden Mitläufer, die Danya di Luca zurücklassen muss, ist ihr Opel-Kollege Kurt Müller.

 

Mega-Marsch statt Marathon

 

Ohne ihn wäre Danya di Luca gar nicht auf die Idee gekommen, sich an diesem „Mega Marsch“ zu beteiligen. Dabei handelt es sich um eine noch relativ neue Sportevent-Idee. Ziel ist es, 100 Kilometer in 24 Stunden zu bewältigen. In Frankfurt startete der Marsch dieses Jahr  zum zweiten Mal. 1700 Power-Spaziergänger gingen in Eschborn an den Start, liefen zunächst die Nacht hindurch Richtung Nordosten, passierten Bad Homburg und Friedrichsdorf und schlugen dann einen hohen Bogen nach Süden, um am Nachmittag des folgenden Tages in Langen anzukommen. Kurt Müller war von einem Freund für die Idee begeistert worden. Von den Arbeitskollegen bei Opel, die er daraufhin zum Mitmachen überreden wollte, mochte sich nur Danya di Luca der Herausforderung stellen. „Ich jogge gerne, wollte schon immer mal Marathon laufen. Da dachte ich mir, Mega Marsch ist auch ganz schön, vielleicht sogar einfacher“, erzählt die 42-Jährige.

Vor dem Start: Danya di Luca hat nicht viel trainiert, ist aber hochmotiviert.


1700 Power-Spaziergänger gingen an den Start. Im Ziel kam nicht mal jeder Fünfte an.

Mit der Einschätzung lag sie allerdings nicht ganz so richtig, wie sich herausstellte. 100 Kilometer Gehen verlangt nicht weniger Ausdauer und Willenskraft als 42 Kilometer Laufen. Schon die Vorbereitung auf die Strapazen lief nicht optimal. „Ich habe mich erst im Mai angemeldet, anschließend kam dieser lange, heiße Sommer, da konnte ich nicht richtig trainieren.“ Kurt Müller dagegen hatte schon seit Januar immer mal 30-Kilometer-Märsche den Main entlang unternommen.

 

Asphalt fordert Tribut

 

Dennoch muss er bei Kilometer 60 aufgeben. „Rücken und Knie schmerzten einfach zu sehr.“ Da können Muskeln und Kreislauf noch so gut trainiert sein, wenn die Knorpel, Sehnen und Gelenke nicht mehr mitmachen – „vor allem, wenn fast die gesamte Strecke über Asphalt führt“, erzählt der 59-Jährige.

Und Danya di Luca? Gibt nicht auf. Läuft weiter – und schafft es bis nach Langen. Irgendwie. „Nach 80 Kilometern wurde mir schwindlig, aber dann ging’s“. Nach 23 einhalb Stunden kam sie ins Ziel. Zwischenzeitlich war sie sogar ein paar Kilometer gejoggt – „weil ich plötzlich das Gefühl hatte, dass mir das leichter fällt.“

 


#MEGA: Früh morgens erreicht Danya di Luca die 70-Kilometer-Marke.


Sie war eine von nur 350 Teilnehmern, die am Ziel ankamen. Kollege Müller kann da nur seinen Hut ziehen: „Danya hat einfach einen eisernen Willen.“

Auf den „Mega Marsch“ im nächsten Jahr freut sie sich – nicht. Denn: „Ich glaube nicht, dass ich das noch einmal mache“, gibt die IT-Spezialistin zu. Obwohl die Tortur schon eine spannende Erfahrung war – und unvergessliche Erlebnisse bereithielt. Auch wenn sie selbst nicht mehr an den Start gehen wird, möchte sie ihre Kollegen ermuntern: „Es ist eine tolle Erfahrung zu testen, wozu man fähig ist, die eigenen Grenzen auszuloten. Vielleicht wäre der 100-Kilometer-Marsch ein guter Vorsatz fürs neue Jahr?“

Der Lohn für eine durchwanderte Nacht: Die Wiesen rund um Frankfurt bei Sonnenaufgang.


Dezember 2018

Text: Eric Scherer; Fotos: Andreas Liebschner, privat