„Slalom“ durch die
Opel-Geschichte

Haben Sie schon einmal von einem Opel-Modell namens „Slalom“ gehört, geschweige denn, es gesehen? So nannte der legendäre Designer und Opel-Veredler Nuccio Bertone in den 1990er-Jahren seinen Entwurf eines Calibra-Nachfolgers – ein außergewöhnlicher Entwurf, der auch im fortschreitenden 21. Jahrhundert noch futuristisch anmutet. Und wer gräbt solche fast vergessenen Schmuckstücke immer wieder aus, wenn er – zum nunmehr 22. Mal – seinerseits „Slalom“ durch die 158 Jahre währende Opel-Geschichte fährt? Der Journalist und Sachbuch-Autor Eckhart Bartels, der gemeinsam mit seinem Team in diesen Tagen das „Jahrbuch Opel 2020“ vorgestellt hat.

Eckhart Bartels

 

Die Redaktion greift auch diesmal wieder alle anstehenden Jubiläen der kommenden Monate auf – von 50 Jahren Manta und Ascona bis zu 30 Jahren Opel in Eisenach. Doch auch aktuelle Geschehnisse werden aufgegriffen und bewertet. Unser kleiner Streifzug durchs Buch setzt einige Schlaglichter.

85 Jahre Style
aus Rüsselsheim

Das Vauxhall-Styling 1948: So ähnlich könnte der Bereich in Rüsselsheim ausgesehen haben.

Wenn eine interessante Geschichte dahintersteckt, widmet sich Eckhart Bartels auch nicht ganz so runden Geburtstagen: Das Opel-Styling wird 85 Jahre alt. Es könnte auch ein Jahr älter sein. Denn so genau lässt sich nicht mehr zurückverfolgen, wann zwischen 1934 und 1935 in Rüsselsheim die „Modellierabteilung“ aus der Taufe gehoben wurde. Eine eigene Etage nur für Gestalter, direkt über der Konstruktionsabteilung, mit Dachterrasse und Lastenaufzug, um neue Kreationen bei Tageslicht noch

besser in Augenschein nehmen zu können. Opel war damit einer der ersten deutschen Automobilhersteller mit einer eigenen Styling-Abteilung. Die Plastilin-Entwürfe entstanden streng geheim, daher existieren kaum Bilder. Bartels und sein Team haben jedoch eine Aufnahme aus dem Vauxhall-Styling von 1948 entdeckt – so ähnlich dürfte es auch in der die Rüsselsheimer Modellierabteilung ausgesehen haben.

Abgehoben:
Opel vom Flugzeugkonstrukteur

Ein Hochleistungs-Sportwagen Super 6, designt für Georg von Opel.

 

Im Anschluss an die „Styling“-Geschichte schlägt die Redaktion ein thematisch verwandtes Kapitel auf, das nicht nur auf Opel fixierte Designhistoriker fesseln dürfte:  Die Einflüsse ehemaliger Flugzeugkonstrukteure aufs Styling von Automobilen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Siegermächte den Flugzeugbau in Deutschland verboten, sodass die kreativen Köpfe der Branche sich neue Betätigungsfelder suchten. Einige nutzten insbesondere ihre Erkenntnisse in Sachen stromlinienförmiger Gestaltung für den Fahrzeugbau – was diesen Autos anzusehen war. Als herausragend gelten die avantgardistischen Kreationen des Aerodynamikers und Konstrukteurs Paul Jaray. Er versuchte sich, wie verschiedene seiner Kollegen, auch wiederholt an Opel-Modellen, wenngleich diese Entwürfe nicht in Serie gingen. Sehenswert sind sie aus heutiger Sicht allemal.

Ein Cabriolet von 1936, gestaltet auf Basis des Opel 2 Liter.

Avantgardistisch: Ein vollverkleideter Opel 2 Liter-Entwurf.

Markant:
Die Opel-Markenrennen

1969: Start des ersten Opel-Markenrennens auf dem Nürburgring.

Unter der einstigen Opel-Mutter GM galt jahrzehntelang das Winston Churchill-Mantra „No sports“. Ende der 1960er-Jahre aber emanzipierte sich Opel von diesem Grundsatz. Bereits bei der Vorstellung des Opel GT im Oktober 1968 gibt Vorstandsmitglied Eckehard Rohde die Gründung einer „Abteilung für Sportbetreuung“ bekannt. Für die Renn-Saison 1969 werden ein „Opel-Pokal“ und Geldprämien für die 50 besten Opel-Fahrer ausgelobt, die für Händler, Tuner und private Enthusiasten im Renn- und Rallyesport mit dem Blitz unterwegs sind. Und kurz darauf startet, im Rahmen des Großen Preises von Deutschland, das erste Opel-Markenrennen auf dem Nürburgring. Dieses wird bis 1978 ausgetragen. Das „Jahrbuch Opel 2020“ präsentiert einen bunten Bilderbogen, in dem alle rallyetauglichen Opel dieser Zeit in Aktion zu sehen sind – von GT über Kadett bis zum Commodore.

Manta und Ascona:
Von wegen Außenseiter

Werbung anno 1970: Der Ascona als Begleiter für eine Fahrt ins Grüne.

2020 kommt ein rundes Jubiläum, auf das auch weniger intime Opel-Kenner vorbereitet sind: Ascona und Manta werden im kommenden Jahr 50 Jahre alt. Eckhart Bartels bietet nicht nur eine umfassende Modellchronik der beiden A-Generationen bis ins Jahr 1975, er erzählt auch deren Vorgeschichte. Unter anderem, dass die späteren Bestseller zunächst als „sportive Außenseiter“ vorgesehen waren. Oder, weshalb der Manta nicht als „Ascona Coupé“ auf den Markt kam, sondern nach einem ungewöhnlich geformten Stachelrochen genannt wurde: Dies war Idee und ausdrücklicher Wunsch des damaligen Designchefs Charles Jordan, der sich auch italienisch inspiriert fühlte. Im Anschluss an diesen Beitrag folgt eine Würdigung an einen, der einen nicht ganz so runden Geburtstag feiert: der Kadett C.

Tiger in Seide: Manta-Werbeanzeige vor 50 Jahren.

Wartburg, Vectra, Corsa, Kohl:
30 Jahre Eisenach

Ostalgie pur: Der Wartung in Thüringer Panorama.

Das Opel-Werk in Eisenach wird 30 Jahre alt. Und das Bartels-Team nutzt die Gelegenheit, nicht nur diese drei Jahrzehnte Revue passieren zu lassen, sondern auch an die Geschichte des Standorts als Produktionsstätte fürs DDR-Modell „Wartburg“ zu erinnern. Und daran, wie Eisenach im Zeichen des Blitzes als Montagewerk begann, ehe millionenfach Corsa über seinen Linien liefen. Einige werden sich noch erinnern: Der allererste Opel „made in Eisenach“ war, am 5. Oktober 1990, ein Vectra. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl war Augenzeuge.

Historisch: Kanzler Helmut Kohl betrachtet das Mittelklasse-Modell.

Antriebsstark:
die Opel-Sechszylinder

Aus der Ahnengalerie: ein Sechszylinder der „Phase 1“.

 

Für diesen Beitrag hat sich die Jahrbuch-Redaktion einen versierten Experten ins Boot geholt. Der langjährige Opel-Motorenentwickler Werner Wielan blickt auf die lange Sechszylinder-Tradition der Marke, die lange vor seiner Zeit begann. Schon 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, war in ein Modell Typ 18/50 PS ein erster Sechszylinder eingebaut worden. Werner Wielan wurde ab 1977 zum echten Zeitzeugen der Opel-Antriebsgeschichte – und hat einige Meisterwerke des Motorenbaus höchstpersönlich mitgestaltet. Sein Zwölf-Seiten-Bericht dürfte auch sehr fachspezifisch orientierte Leser begeistern.

 

Der Calibra –
30 Jahre „hohes C“

Zeitlos schön: Eine der ersten Skizzen vom Calibra.

Für Eckhart Bartels markiert er das „hohe C“ der Opel-Automobilgeschichte: der Calibra. Das formschöne Coupé wird ebenfalls 30 Jahre alt. Der Autor erinnert an Friedrich „Fritz“ Lohr, der das Calibra-Projekt seinerzeit auf den Weg brachte. Opel sollte, so der Wunsch des damaligen Entwicklungsvorstands, nach dem Auslaufen des Manta wieder ein Coupé bekommen, das Aufsehen erregt. Was dem eleganten Kurvenstar auch gelang. Eckhart Bartels erzählt nicht nur die Vorgeschichte, sondern bietet auch einen Überblick über alle Serien- und Sondermodelle – und hat ein besonders stylisches Schmuckstuck ausgegraben: Den „Slalom“, einen Vorschlag für einen Calibra-Nachfolger, den der italienischen Design-Künstlers Nuccio Bertone für Opel erarbeitete. Ein Entwurf, der auch Designern der aktuellen Generation noch die Augen leuchten lässt.

Leider nur als Schwarz-Weiß-Aufnahme erhalten: Am 29. Mai 1990 rollen 1.000 magmarote Calibra von Frankfurt aus zu ihren Händlerbetrieben.

Eindrucksvolle Glasgestaltung: der Calibra-Entwurf von Bertone.

Das „Jahrbuch Opel 2020“ ist im Podszun-Verlag erschienen, kostet 16,90 Euro und ist über den Verlag, im Buch- und im Online-Versandhandel erhältlich sowie im Opel-Shop im Adam Opel Haus in Rüsselsheim.


 

November 2019

Text: Eric Scherer, Fotos: Opel Jahrbuch 2020, privat