» Der Fremde
auf dem Pferd «

 

 

Die Sonne verschwand früh hinter den sanften Hügeln, die ein kleines, verschlafen wirkendes Nest an einem Fluss irgendwo in Kanada umgaben, und hüllte den gefrorenen Weg zwischen den Häuserfronten in einen zwielichtigen Pfad. Hier und da wurden Petroleumlampen an den Verandas entzündet. Aus einigen Fenstern drang ein schwaches, gelbes Licht. Doch das waren die einzigen Zeichen menschlicher Gegenwärtigkeit an diesem Heiligabend. Schneeflocken schwirrten konfus und träge durch den weichen Schein der Lampen. Aus dem Nichts der Dunkelheit hinter der düsteren Kleinstadt erschien plötzlich eine schwarze Silhouette. Eine Person auf einem Pferd näherte sich langsam dem ersten Haus, einem zweistöckigen Saloon. Innen brannte Licht. Die dunkel gekleidete Gestalt, welche den Hut tief in das Gesicht geschoben hatte, hielt inne, stieg müde von dem ebenfalls schwarzen Tier ab und band es an einen Pfosten der Veranda fest. Der Atem von Mensch und Tier umwölkte sie. Mit trägen Schritten stieg die Gestalt die Stufen empor und öffnete die Türen zum Saloon. Eine junge, rebellisch wirkende Frau mit dunklen Haaren stand hinter der Theke und sah von den Gläsern auf, in die sie gerade etwas eingoss. In einer Nische weiter hinten saßen ein älteres Ehepaar und ein kleiner Junge beim Essen.

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Die Frau an der Theke musterte die eingetretene Gestalt, und ihr Blick bekam einen angewiderten und zugleich widerspenstigen Ausdruck, als sie das durch den schwarzen Hut halb verdeckte Gesicht zu erkennen versuchte. Der Mann trug einen schwarzen, staubigen Mantel. Zwei blitzblank polierte, silberne Revolver mit langen Läufen hingen gefährlich schwer in den Halftern. Sie wandte den Blick ab. „Kommen Sie wegen des Goldes?“ fragte sie tonlos, gar abweisend, als kenne sie die Antwort. Die Gestalt hatte sich nicht bewegt. „Ich komme wegen eines Betts,“ entgegnete der Mann schließlich mit ruhiger, vibrierender Stimme. Kaum merklich kniff sie die Augen zusammen und sah erneut auf. Sie zögerte. Wusste nicht, wie sie ihn einschätzen sollte. Unheilverkündend? Erlösend? Sicher keiner von denen, die wegen Gold kamen. Doch weswegen dann?


Am nächsten Morgen wurde der Gast des Hauses vom lauten Lachen und Grölen zweier Männer geweckt, die Geräusche drangen durch das Zimmerfenster herein. Wahrscheinlich zwei Säufer die noch voll sind, dachte er, während er sich in dem schmalen Bett gähnend ausstreckte. Doch dann änderten sich die Geräusche und die Emotionen, die sie ausdrückten. Der Klang von Häme. Über etwas. Über jemanden. Eine Frauenstimme mischte sich ein. Sie schrie. Voller Hass stieß die Frau Beleidigungen aus. Er schwang sich rasch aus dem Bett, zog sich seine – vom langen Weg – noch klammen Kleidungsstücke an und lief die Treppe hinunter in den Saloon, um zu sehen, was sich abspielte. Draußen auf der Veranda sah er zwei spöttisch und schadenfroh grinsende Männer und die Frau, die gestern hinter dem Tresen gestanden hatte. Sie schrie noch immer wie wild auf die Männer ein. Mit bedrohlich langsamen Schritten lief er auf die Saloontüren zu und stieß sie krachend auf. Auf der Veranda lag ein blutender und entsetzlich jammernder Junge. Die Frau kniete neben ihm und strich dem Jungen mit sanften Worten die Haare von der blutigen Stirn. „Wen haben wir denn da?“, fragte der eine der beiden Männer, ein großer, muskulöser Klotz mit durch und durch braunen, dreckigen Klamotten. Die Frau wirbelte herum, sah den Mann von gestern Abend hinter sich stehen. Erneut versuchte sie ihn einzuordnen. Verschwindet! Alle drei! Haut sofort ab!“, schrie sie voller Ekel. Der andere der beiden Männer, ein kleinerer Mann mit einem vollkommen nichtssagenden, dummen Gesicht, kicherte kindisch. „Habt ihr nicht gehört?“, raunte der Fremde grob und legte die Hände auf seine glänzenden Revolver. Der große, muskulöse Mann knurrte verärgert. „Los, Fynn, berichten wir Mr.White von unserem neuen Weihnachtsmann.“ Fynn und der große Mann entfernten sich mit gehässigen Blicken und liefen idiotisch lachend auf ein stattliches Haus rechts gegenüber zu.

Die Frau kniete neben ihm und strich dem Jungen mit sanften Worten die Haare von der blutigen Stirn. „Wen haben wir denn da?“, fragte der eine der beiden Männer, ein großer, muskulöser Klotz mit durch und durch braunen, dreckigen Klamotten. Die Frau wirbelte herum, sah den Mann von gestern Abend hinter sich stehen. Erneut versuchte sie ihn einzuordnen. Verschwindet! Alle drei! Haut sofort ab!“, schrie sie voller Ekel. Der andere der beiden Männer, ein kleinerer Mann mit einem vollkommen nichtssagenden, dummen Gesicht, kicherte kindisch. „Habt ihr nicht gehört?“, raunte der Fremde grob und legte die Hände auf seine glänzenden Revolver. Der große, muskulöse Mann knurrte verärgert. „Los, Fynn, berichten wir Mr.White von unserem neuen Weihnachtsmann.“ Fynn und der große Mann entfernten sich mit gehässigen Blicken und liefen idiotisch lachend auf ein stattliches Haus rechts gegenüber zu.

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Der große, muskulöse Mann knurrte verärgert. „Los, Fynn, berichten wir Mr.White von unserem neuen Weihnachtsmann.“ Fynn und der große Mann entfernten sich mit gehässigen Blicken und liefen idiotisch lachend auf ein stattliches Haus rechts gegenüber zu.


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„Mein Name ist Victoria. Frohe Weihnachten“, sagte sie sarkastisch. Sie saßen sich allein im Saloon gegenüber, nachdem sie ihren kleinen Bruder Billy, der geistig und körperlich behindert war, versorgt und beruhigt hatte. „William“, entgegnete er. Jetzt bei Tageslicht sah er, dass sie gar nicht mehr so rebellisch wirkte. „Danke für deine Hilfe, aber so geschieht es jeden Tag seit Mr. White sich hier niedergelassen hat“, sagte sie mit bebender, ernster Stimme. Ein zorniges Zucken in seinem Gesicht. „Wer ist Mr.White?“, fragte er. „Ein reiches, brutales Schwein aus New York“ spie sie hervor und machte eine Pause, ehe sie fortfuhr. „Er beutet skrupellos alle aus, die hier leben, lässt sie Gold für sich waschen, und seine Männer terrorisieren alles, was sich bewegt.“ Ihre Stimme strotzte vor Zorn und Wut. „Wieso wehrt sich keiner?“ knurrte er ruhig, aber bebend, während sich seine markanten Gesichtszüge verfinsterten. „Weil sich niemand wehren kann. Seine Männer kontrollieren zweimal täglich, ob jemand eine Waffe trägt. Das dürfen…“ „Nur sie selbst“, beendete er ihren Satz. Ein Nicken. „Verschwinde doch einfach von hier.“ Ein trauriges Lächeln. „Ich kann nicht. Meine Eltern sind alt und schwach. Ich kann sie nicht zurücklassen. Genausowenig kann ich sie und meinen Bruder auf einer Reise beschützen, schon gar nicht jetzt im Winter. Um mich mache ich mir keine Sorgen, aber um sie.“ Ihre Blicke trafen sich erneut. Wieder wusste sie nicht, was hinter den hellblauen Augen vorging. Harte Schritte auf der Veranda.


„Es heißt, wir hätten ein neues Gesicht unter uns.“ Eine dominante und bedrückende Stimme drang vom Eingang herein. William Ford saß gelassen mit dem Rücken zu der Person, konnte sie aber in dem großen Spiegel an der Wand hinter dem Tresen taxieren. Ein weißer und penibel sauberer Maßanzug. Schwarzer Zylinder. Silbergrauer Musketierbart. Dickliche Figur. Aufrechte, stolze und eingebildete Haltung. Kann nur James Anthony White sein. Zwei weitere Personen betraten den Saloon hinter White. William Ford erkannte sie als den begriffsstutzigen Fynn und dessen großen Partner. Er reagierte nicht. „Entschuldigen Sie, wo ließ ich meine Manieren? Frohe Weihnachten, mein Name ist White. James Anthony White.“ „Nicht zu übersehen“, kommentierte William Ford den weißen Anzug, noch immer von den Männern abgewandt. „Für mich fällt Weihnachten dieses Jahr aus,“ setzte er hinzu.

 

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„Sie haben Sinn für Humor“, konterte White in herablassendem Ton. „Warum sind Sie hier, Mr. Nobody?“ „Ford klingt besser“, erwiderte er ruhig. Victorias Blick wanderte gespannt und erwartungsvoll hin und her. White wartete auf die ausbleibende Antwort. „Also, Mr. Ford. Was wollen Sie hier?“ Sein Ton wurde autoritärer. „Ich habe eine Botschaft für Sie. Aus New York.“ White kniff die Augen zusammen. „Nun?“, fragte er unverhohlen neugierig. „Besprechen wir’s beim Abendessen“, sagte Ford. White folterte den Mann im Spiegel in Gedanken. „Wie Sie wollen. Seien Sie mein Gast. Acht Uhr schräg gegenüber. Wir werden Sie erwarten.“ Daraufhin verließen die drei Männer den Saloon. „Um Himmels Willen! Was tust du denn?“, platzte es aus Victoria hervor. „Hoffentlich packt er seine Geschenke schon vorher aus“, sagte er mehr zu sich.


An dem reichlich gedeckten Tisch im vornehm ausstaffierten und festlich geschmückten Speisezimmer von Whites Wohnhaus saßen sieben Männer. White am Kopfende. William Ford, Fynn Hicks sowie sein großer Kumpel Scott Willoughby auf der einen Seite. Ford gegenüber saß ein Mann Namens Joey Clark. Ein Mann mit kurzem Vollbart, vielen Narben im Gesicht, durchdringendem Blick und faulen Zähnen, der ihn unentwegt ansah. Die beiden letzten im Bunde – Jonathan Hudson und Percy Connors – wurden ihm überflüssigerweise ebenfalls vorgestellt. White und seine Männer ahnten nicht, dass die drei sich kannten. Dass sie beste Freunde waren. Drei Freunde auf dem Pfad der Gerechtigkeit.

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Kurze Zeit später verließen William Ford, Jonathan Hudson und Percy Connors das schönste und größte Haus in der Kleinstadt und sahen sich gut einem Dutzend der Einwohner gegenüber, die frierend auf dem schneebedeckten Weg, vom Mond und den Sternen beleuchtet, erwartungsvoll zu ihnen aufsahen. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte Victoria fest und argwöhnisch. Nur das Pfeifen des Windes sowie das Klappern und Quietschen einiger Holzbalken und Scharniere waren zu hören, nachdem die peitschenden Schüsse verklungen waren. „Was geht hier vor sich?“ bohrte sie weiter, während sie zögernd auf die drei Männer zulief. „Was hast du mit Whites Männern zu schaffen?“ „Das sind nicht Whites Männer“, rief Ford laut in die Menge. „Das sind meine Freunde. Wir kamen hierher, um diesen Mörder White seiner gerechten Strafe zuzuführen. Darauf haben wir lange gewartet!“ Erstauntes Gemurmel machte sich breit, und einige bekreuzigten sich, während die drei Männer auf ihre Pferde aufstiegen. Victoria näherte sich William. „Ihr verschwindet? Es ist doch Weihnachten, wo wollt ihr hin?“ „Ich sagte doch, Weihnachten fällt für mich in diesem Jahr aus.“ Einen Augenblick sahen sie sich stillschweigend an. Er wandte sich in seinem Sattel zu seinen Freunden um, das Leder knarzte. „Ich breche morgen auf,“ sagte er leise. Sie nickten und ritten ohne ein weiteres Wort in die Dunkelheit davon. William stieg ab und lief mit den Bewohnern der erlösten Kleinstadt zum Saloon zurück.


ÜBER DEN Autor


portrait

Fabian Filber ist als Entwickler für Sitzbezüge im ITEZ tätig, zurzeit bereitet sich der 23-Jährige auf seine Meisterprüfung als Fahrzeugsattler vor. Sein großes Hobby neben dem Hockeyspiel ist die Literatur: „Am meisten faszinieren mich Krimis und Thriller, vor allem die von Robert Ludlum, der den Agenten Jason Bourne erfunden hat.“

Die Anregung, selbst Geschichten zu verfassen, kam 2009 von Filbers Deutschlehrerin in der Fachoberschule für Gestaltung. „Frau Musharraf fand meinen Erzählstil bei den Aufsätzen unterhaltsam und sagte, ich solle mich mal kreativ austoben.“

Den Rat hat der Hanauer seither konsequent befolgt. Filber verfasste neben einem Roman um einen Meisterdetektiv zahlreichen Erzählungen, darunter die 2014 in der Opel Post veröffentlichte Kurzgeschichte „Das moderne Weihnachtsfest. Oder: Fette Gänse und dicke Umschläge“. Aktuell arbeitet er an einem Science-Fiction-Epos, das sich seinen Angaben zufolge mit den Themen Technologisierung und Gewalt auseinandersetzt.

Stand Dezember 2016

Illustrationen: C3