Klischee trifft auf Erfahrung

Opel wird elektrisch

Opel gehört zu den Pionieren der Elektromobilität: 2012 feierte der Opel Ampera Premiere, über 10.000 Einheiten wurden von dem Stromer mit Range-Extender ausgeliefert. Die zweite Generation, der Ampera-e, kam 2017 auf den Markt und hat bislang rund 4.700 Kunden glücklich gemacht. In wenigen Wochen werden die Bestellbücher für den rein elektrischen, fünfsitzigen Corsa sowie den Grandland X als Plug-In Hybrid geöffnet. Bis Ende 2020 werden insgesamt vier elektrifizierte Opel-Modelle im Angebot sein.

Eine Alpen-Ausfahrt von Elektroautos über die Rossfeld-Panoramastraße? Ernsthaft? Natürlich bietet der geschwungene Streifen Asphalt bezaubernde Ausblicke in die schroffe Welt der Berge und Gletscher – aber dafür müssen hier insgesamt 1.600 Höhenmeter bezwungen werden. Eine Anstrengung, bei denen Stromern doch sicher schnell der Saft ausgeht. Nachladen in luftiger Höhe? Ein Wunschtraum. Und wenn es möglich wäre, würde es bestimmt bis Mitternacht dauern …

 

Moment mal!
Stimmt das denn überhaupt?

 

Schon erstaunlich, wie zügig man bei den Vorurteilen und Mythen zum Thema Elektroantrieb landet – oft ohne selbst echte Erfahrungen mit dem Thema gesammelt zu haben. Das ist einer der Gründe, warum sich die 20 Opel Ampera-e-Fahrer Ende März zur gemeinsamen Ausfahrt über die Panoramastraße in der hochalpinen Bergwelt des Berchtesgadener Landes getroffen haben. Sie wollen nicht nur die Aussicht genießen – sondern auch zeigen, wie alltagstauglich aktuelle E-Autos bereits sind. Angereist aus allen Himmelsrichtungen, starteten sie ihre Tour nach einem guten Frühstück in Bad Reichenhall – und schmunzeln kurz nach elf Uhr auf dem höchsten Punkt der Rossfeldstraße für ein Gruppenbild in die Kamera. Hinter ihnen lacht die Sonne über ein malerisches Bergpanorama auf ein gelbes Banner, auf dem geschrieben steht: „2. Opel Ampera-e Treffen 2019“. Motto: „Mit Strom in die Zukunft“. Über das erste Treffen im vergangenen Herbst haben wir berichtet.

Und die Zukunft ist bei den Teilnehmern längst zur Gegenwart geworden. Denn die 20 E-Opel-Besitzer haben den geräuscharmen Antrieb ja bereits in ihren Alltag integriert. Freiwillig, oft sogar ohne steuerliche Vorteile. Es sind Menschen wie du und ich, die sich bewusst von ihren teilweise lieb gewonnenen Verbrennern verabschiedet haben. Ihre Erfahrung möchten wir anzapfen, um in den fünf folgenden Interviews fünf gängige Vorurteile zum Thema E-Mobilität auf den Prüfstand zu stellen.

E-nthusiasten: Wir haben das zweite Treffen genutzt, um die Erfahrungen der E-Pionier-Community anzuzapfen.

Vorurteil Nummer 1:
Elektroautos sind aktuell immer noch zu teuer!

Herr De Mattia, was sagen Sie dazu?
Nur auf den ersten Blick. Wir haben für unseren Ampera 47.500 Schweizer Franken bezahlt. Über die ganze Nutzungszeit – wir planen zehn Jahre – gerechnet, werden die Energie- und Unterhaltskosten jedoch deutlich geringer ausfallen als bei einem vergleichbaren Verbrenner. Im Schnitt liegen die Energiekosten für 100 Kilometer mit unserem Ampera-e bei 2,80 CHF. Mit einem Verbrenner wären es elf bis zwölf CHF. Hinzu kommen die günstigen Werkstattbesuche: Beim E-Opel steht nur eine jährliche Inspektion an, die uns 110 CHF kostet.

Wie kommt ein E-Auto im Freundeskreis an?
Viele sind skeptisch, aber alle erkennen inzwischen an, dass der Ampera-e absolut alltagstauglich ist. Natürlich ist sein Preis immer wieder Thema. Alle schauen eben nur auf den Anschaffungspreis – leider.

Müssten E-Autos günstiger werden?
Das Niveau eines vergleichbaren Dieselautos wäre super.

 

Familie De Mattia aus Ohmstal, Kanton Luzern in der Schweiz. Fährt seit November 2017 einen Ampera-e. Es ist das erste E-Auto der Familie. Kilometerstand: 41.896.

 

Helfen Steueranreize und günstiger Strom beim Kauf?
Ja, aber nicht zwingend. Meine Grundmotivation ist eine andere. Mir geht’s um den Umweltschutz und um die Unabhängigkeit von fossilen Kraftstoffen. Bei uns im Kanton Luzern etwa wird der Ampera-e normal besteuert.

Begünstigungen: In Deutschland sind E-Autos zehn Jahre lang von der Kfz-Steuer befreit. Außerdem wurde bei der Besteuerung der geldwerte Vorteil für die private Nutzung eines Elektro-Dienstwagens zu Jahresbeginn auf 0,5-Prozent halbiert.

Vorurteil Nummer 2:
Die Reichweite ist zu gering!

Herr Wohlhüter, Hand aufs Herz, wie zufrieden sind Sie mit der Reichweite des E-Opel?
Sehr! Zum Kaufzeitpunkt war der Ampera-e das einzige E-Auto mit 60 kWh-Akku, das ich mir leisten konnte.

Wie weit kommen Sie mit einer Akkuladung?
Im Winter sind es 260 Kilometer, im Sommer 430.

Müssen Sie sich dabei irgendwie einschränken?
In keiner Weise. Ich benutze Heizung oder Klimaanlage wie in jedem konventionellen Auto zuvor auch.

Wie gehen Sie Langstrecken an?
Die plane ich mithilfe von Webseiten, wie zum Beispiel goingelectric.de. Dort sind alle aktuellen Ladesäulen verzeichnet – auch die kostenlosen. Meine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit beträgt auf der Autobahn 130 km/h.

Birgit Cermak und Thomas Wohlhüter aus Augsburg. Den Ampera-e haben die beiden Anfang 2018 gekauft – als Ersatz für ihren Renault ZOE, um die Reichweite zu verdoppeln. Kilometerstand des Opel: 55.000.

Digitales Cockpit: Es liefert alle relevanten Informationen auf einen Blick.

Vorurteil Nummer 3:
Es gibt noch immer kaum Lademöglichkeiten!

Herr Homeyer, wie würden Sie die aktuellen Lademöglichkeiten für E-Autos in Deutschland beschreiben?
Bundesweit gibt es derzeit rund 17.000 Ladesäulen. Wir sind mit der Abdeckung zufrieden – und noch nie mit leerem Akku liegengeblieben. Es fallen hier und da ein paar kostenlose Lademöglichkeiten weg, dafür kommen andere hinzu.

Wie und wo laden Sie den Opel überwiegend auf?
Wir haben das Glück, dass unser Arbeitgeber sechs Kilometer entfernt viele Ladesäulen errichtet hat, die für uns als Mitarbeiter kostenlos nutzbar sind. Wir starten die Ladung mit einer firmeneigenen App. Dieser Vorgang hat uns Einiges an Erfahrung gebracht. Denn: Wir bekommen an mehreren Ladesäulen ab und an Fehlermeldungen angezeigt, sowohl am Display der Ladesäule als auch am Handy. Das Kuriose: Meist sind nicht die Ladesäulen das Problem, sondern der schlechte Funkempfang.

 

 

Herr und Frau Homeyer aus Markgröningen bei Stuttgart. Den Ampera-e haben die beiden im Oktober 2017 bestellt – und Februar 2018 abgeholt. Es war damals ihr erstes eigenes E-Auto. Kilometerstand des Opel heute: 15.000.

 

Wie werden E-Autos Ihrer Meinung nach in Zukunft geladen?
Man liest immer wieder, dass mehr und mehr Arbeitgeber kostenlose Ladesäulen installieren wollen. Das ist toll. Auch wenn es langfristig sicherlich über einen geldwerten Vorteil geregelt wird. Zudem muss tagsüber der Stromverbrauch ja nicht unnötig erhöht werden. Clever wäre, wenn die meisten EVs nachts geladen werden. Nachts gibt’s oft nicht genügend Verbraucher – daher sollte der Strom-Absatz entsprechend in den Nachtstunden gefördert werden. Das wäre ein Gewinn für alle.

Verbrauch bergauf, Rekuperation bergab: Im Idealfall werden auf dem Weg ins Tal rund zehn Prozent Energie zurückgewonnen.

Vorurteil Nummer 4:
Laden dauert zu lange!

Herr Toll, können Sie die These der zu langen Ladezeiten bestätigen?
Ja, es kann lange dauern. Muss es aber nicht.

Wie meinen Sie das?
An den meisten 220V-Steckdosen dauert das Aufladen eines leeren Akkus schon recht lange. Aber in die Verlegenheit muss man nicht kommen, denn ein Akku ist nach einem Tag nur ganz selten leer. Laut Kraftfahrtbundesamt fährt jeder Pkw täglich im Schnitt gerade mal 40 Kilometer. Und: An einem Schnelllader dauert eine volle Ladung nur zwei bis drei Stunden.

Wie könnte sich Ihrer Meinung nach die Ladezeit verkürzen?
Es sollte mehr Schnelllader in der Öffentlichkeit geben – zum Beispiel vor großen Ladengeschäften, wie es IKEA oder Aldi vormachen. Auch vor öffentlichen Gebäuden wie Gemeinden und Kirchen könnte ich mir das gut vorstellen.

Michael Toll, 45, mit Sohn aus Gilching, Landkreis Starnberg. Den Ampera-e hat er seit Januar 2017. Erste Erfahrungen mit E-Autos sammelte Toll während einer Studie mit einem E-Mini, den er sechs Monate fuhr. Aktueller Kilometerstand des Opel: 30.000.

Vorurteil Nummer 5:
E-Mobilität macht keinen Spaß!

Herr Möller, Sie als sportlicher Fahrer – stimmen Sie der Aussage zu, dass E-Autos keinen Spaß machen?
Überhaupt nicht, im Gegenteil. Dank des E-Antriebs spurtet mein Opel auf Wunsch echt spritzig los und lässt beim Ampelstart die meisten Sportwagen alt aussehen. Zudem gibt’s weder Schaltpausen noch Gedenksekunden – der Antrieb zieht sofort gleichmäßig und stark. Zudem ist der Schwerpunkt des Ampera-e schön tief und damit die Straßenlage vorzüglich.

Gibt es noch weitere Vorteile?
Die gewonnene Ruhe im Auto – die schätze ich sehr. Mein Job ist stressig und die Umwelt oft laut genug. Umso mehr wird mein E-Auto zum Ort der Ruhe und Stille. Und: Ich genieße es, mit der Reichweite spielen zu können.

Sven Möller, 53, aus Hamburg-Nienstedten. Ehe er seinen Opel Ampera-e Ende 2017 abholte, fuhr er gern sportliche Verbrenner. Jetzt schwört er auf E-Antriebe – und organisiert die Ampera e-Treffen. Aktueller Kilometerstand seines Opel: 39.500.

Alle am Ziel: 20 Fahrzeuge, ganze Familien mit Kindern und ein Hund waren beim zweiten Ampera-e-Treffen im Berchtesgadener Land am Start.


April 2019

Text und Fotos: Dani Heyne