Wer hat Schuld, wenn keiner fährt?

 Die wichtigsten Botschaften 1 bis 6 

 


Dr. Lena Rittger Projektleiterin Driver Performance EE Advanced Technology, Opel (Mitte).

 7 Auch das Nicht-Selbst-Fahren will gelernt sein


„Wir bringen Autos das autonome Fahren bei, doch wie vermitteln wir es den Menschen?“ Dieser Frage widmete sich Dr. Lena Rittger, Opel-Projektleiterin Driver Performance Advanced Technology. Es gebe hierfür keine einfachen und schnellen Antworten. Es zeige sich, dass Autofahrer schnell Vertrauen zum Fahrzeug und den Assistenzsystemen aufbauen.

Die Opel-Forschung beschäftigt sich nach Angaben von Rittger mit der Kommunikation an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine und den dort entstehenden Herausforderungen. Was geschieht, wenn beim autonomen Fahren der Fahrer plötzlich selbst wieder aktiv eingreifen und die Kontrolle übernehmen muss? Die Menschen sind es nach Meinung von Rittger gewohnt, einzusteigen und selbst loszufahren. Auf die Abgabe der Fahrkontrolle müssen sie schrittweise vorbereitet werden. Daher könnte bei der Einführung der neuen Technik auch die Zusammenarbeit mit Fahrschulen wichtig werden.


 

 8Wer hat Schuld, wenn keiner fährt?


Die Debatte um autonomes Fahren ist nicht nur eine technologische und wirtschaftliche, sondern auch eine ethisch-philosophische. Janina Loh, Technikphilosophin an der Universität Wien, forscht zu Trans- und Posthumanismus sowie Roboterethik. Sie warf die Frage auf, wie viel und wie überhaupt autonome Systeme entscheiden können sollen und wer die Verantwortung für falsche Entscheidungen zu tragen habe. Sie argumentierte, dass der Mensch vielleicht die Fahrkontrolle abgeben könne, aber nicht die Verantwortung. Selbst beim vollautonomen Autofahren, bei dem der Mensch gar nicht mehr eingreifen könne, trage der Mensch weiterhin die Verantwortung. Er habe das Fahrzeug gekauft und sich an dem Tag entschieden, es zu nutzen.

Technik habe immer Moral, ganz gleich, ob man einen Algorithmus, einen Hammer oder ein Maschinengewehr baue. Die schrittweise Automatisierung des Autofahrens bedeutet daher für Loh gerade nicht, „dass wir die moralische Verantwortung an die Maschine abgeben“ können. Technik diene zwar immer einem menschgemachten Zweck, aber mit

Dr. Janina Loh Technikphilosophin, Universität Wien.

gesundem Menschenverstand situationsabhängige Entscheidungen treffen könnten Maschinen dennoch nicht. Es hänge immer noch vom Menschen ab, ob er mit einem Maschinengewehr auf jemanden schießt, oder ob er es „zweckentfremdet“, um einen Nagel in die Wand zu schlagen.


Sven Gábor Jánszky Zukunftsforscher und und Leiter des 2b AHEAD ThinkTanks.

 9 Wieso Mobilität nahezu kostenlos sein wird


Für den Trendforscher und Leiter des 2b AHEAD ThinkTanks Sven Jánszky wird Autofahren im Jahr 2027 um ein Vielfaches günstiger, wenn nicht kostenlos sein. Da autonome Autos künftig nicht mehr ungenutzt herumstehen müssten, sondern „arbeiten gehen“ könnten, wird die Gesellschaft mit weniger Autos und daher auch mit weniger Parkplatzflächen auskommen. Das wiederum werde insbesondere die Städte verändern. Denn sie bestehen derzeit zu fast einem Drittel aus Parkplätzen. Jánszky: „Man kann davon ausgehen, dass einige wenige noch eigene Autos fahren, ein Großteil der Menschen aber auf Carsharing-Modelle zurückgreifen werden.“

Der öffentliche Verkehr auf festgelegten Strecken wird daher nach Ansicht von Jánszky in den nächsten Jahren zum Auslaufmodell. Studien gehen davon aus, dass es Shuttlebusse geben werde, die ähnlich wie bei Uber die Passagiere zu ihren gewünschten Destinationen brächten. Die Kosten für das Fahren von A nach B werde gegen null gehen, wenn die Anbieter nach der „Google-Logik“ vorgehen und Werbung zur Einnahmequelle machen. Die Planungen der Technologieunternehmer und Autohersteller gingen bereits in diese Richtung. Es werde, so Jánszky, jedoch noch einige Jahre dauern, bis autonome Fahrzeuge auf den Straßen zugelassen werden und wieder einige Jahre, bis sie den Mainstream erreichen.


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In der abschließenden Gesprächsrunde „Das Wohnzimmer auf der Überholspur: Wie Autos in der Zukunft aussehen werden – und was das für die Passagiere bedeutet“ diskutierten der Direktor Advanced Design Opel Friedhelm Engler (zweiter von links) mit Professor Lutz Fügener (dritter von links) von der Hochschule Pforzheim, Fachbereich Transportation Design und Alexander Mankowsky, Futures Studies & Ideation von Daimler (rechts), darüber, wie Autos in der Zukunft aussehen werden und was das für die Passagiere bedeutet.


10 „Design bleibt Schlüsseldisziplin“


Durch autonomes Fahren verschiebt sich der Fokus: Weg von der Fahrt von A nach B, hin zum „Leben im Fahrzeug“. Nach Ansicht von Lutz Fügener, Professor an der Hochschule Pforzheim, wird diese grundlegende Transformation durch die Arbeit der Designer vollzogen werden. Viel mehr noch: „Das von den Designern zu entwickelnde Konzept und die Ästhetik eines autonom fahrenden Fahrzeugs werden die Akzeptanz der Kunden entscheidend beeinflussen.“ Doch was möchte der Kunde? „Meiner Erfahrung nach klare, minimalistische Formen, anstatt verrückter Ideen.“ Spannend sei es, zu sehen, wie junge Studenten das Auto begreifen. „Sie sehen keinen Widerspruch darin als Autodesigner selbst kein Auto zu besitzen“, schilderte er. Rein praktische Erwägungen stehen im Vordergrund: Im Alltag in der Großstadt kann eben auch der öffentliche Nahverkehr das Mittel der Wahl sein.

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Lutz Fügener Professor Hochschule Pforzheim, Fachbereich Transportation Design.


Alexander Mankowsky Futures Studies & Ideation, Daimler.

 

11Rollendes Wohnzimmer: Das Auto als neuer Lebensraum


Alexander Mankowsky von Futures Studies & Ideation bei Daimler warf einen spannenden Blick darauf, wie das „Leben im Fahrzeug“ im Zeitalter des autonomen Fahrens aussehen könnte. „Es wird eine Vielfalt der Möglichkeiten geben, wie man sein Auto nutzt oder nutzen kann, wenn man nicht mehr selbst fahren muss“, führte der Zukunftsforscher aus. „Die eine richtet sich vielleicht ein Wohnzimmer ein, ein anderer macht Yoga im Auto auf dem Weg ins Büro und ein Dritter nutzt gleich das Auto als Büro.“ Im letzteren Fall entkoppelt sich die Nutzung gänzlich von der reinen Fahrt von A nach B: „Wir sprechen vom Third Place“, so Mankowsky. Also ein zusätzlicher Ort zwischen zuhause und dem Arbeitsplatz. Auch mobile Services sind denkbar, so der Zukunftsforscher. Auf der Leinwand ist eine Visualisierung eines Marktes zu sehen: Autonom fahrende Marktstände sind dort aufgereiht, auf den Verkaufsflächen Kartoffeln, Kräuter, Tomaten.

Durch das autonome Fahren werde es das, was heute als „normale Autofahrt“ angesehen werde, nicht mehr geben, ist sich der Zukunftsforscher sicher. Zumindest ändern sich die Grundvoraussetzungen. Autofahren könnte lustbetonter werden. Mankowsky: „Die Menschen werden Autofahren als Hobby betreiben. Ganz bewusst, am Wochenende. Zum reinen Vergnügen.“


Friedhelm Engler Direktor Advanced Design, Opel.

  12 Schlüssel zur Mobilität der Zukunft: Die Liebe zum Auto


Heutige Autos stehen für individuelle Mobilität, sind Ausdruck des persönlichen Stils, Leidenschaft und Status. Das Design? Weckt Begehrlichkeiten. Wie ändern sich diese Parameter, wenn das Auto selbstständig fährt? „Das Design muss bei

 

autonom fahrenden Fahrzeugen eine weitere Emotion in den Mittelpunkt stellen: das Vertrauen“, erläuterte Opel-Designer Friedhelm Engler. Besonders das Exterieur müsse neue Formen der Kommunikation abdecken. Zum Beispiel die zwischen Fußgänger und Fahrzeug.

Engler verwies auf die neue, höchstspannende Rolle der Designer. Die technologischen Umbrüche verlangten auf vielen Ebenen eine „fundamental andere Denkweise“. So schaffe beispielsweise die Elektrifizierung von Fahrzeugen neuen Gestaltungsspielraum. Schließlich könne die Batterie „relativ frei“ positioniert werden. „Die heute praktizierte Konzeption eines Autos von außen nach innen um eine vorgegebene Verbrenner-Antriebseinheit ist bald überholt.“

Bei allen Umbrüchen plädierte der Designer von Opel, den Kunden Schritt für Schritt auf diesem Weg mitzunehmen: „Ich bin überzeugt: Die Liebe der Menschen zum Auto ist auch der Schlüssel zum erfolgreichen Einstieg in die Mobilität der Zukunft.“


Stand August 2017