Rares und Wahres

Zum 20. Mal legt der renommierte Motorjournalist und Opel-Kenner Eckhart Bartels ein „Jahrbuch Opel“ vor. Und was die Autoren in der 2018er Ausgabe an Geschichte und Geschichten rund um die Marke mit dem Blitz zusammengetragen haben, erstaunt selbst ausgewiesene Kenner der Unternehmensgeschichte. Über Europas schnellstes Rennboot der 1920er-Jahre , die „Opel II“, haben wir bereits in der Opel Post berichtet, aber wussten Sie, dass Opel als Produzent von Traktoren tätig war oder was es mit dem legendären Opel Monteverdi auf sich hat? Auch seine Chronistenpflicht erledigt Eckhart Bartels gewohnt souverän. So widmet er sich den 50-jährigen Jubiläen von Opel Olympia A und Opel GT sowie dem 90. Geburtstag von Designerlegende Erhard Schnell. Wir haben einige spannende Einblicke zusammengestellt.

 

← Das „Jahrbuch Opel 2018“: Es ist direkt über den Podszun-Verlag oder im gut sortierten Buchhandel erhältlich. Die Rüsselsheimer Buchhandlung „Kapitel 43“ etwa hat für Opel-Freunde eigens ein paar Exemplare mehr geordert. Herausgeber Eckhart Bartels freut sich übrigens auch über Kommentare und „Likes“ auf seiner „Jahrbuch Opel-Seite“ bei Facebook.

„Mother Shipton“
fährt Lutzmann

Ob ihre Prophezeiungen tatsächlich als zutreffend angesehen werden dürfen, ist – ähnlich wie im Fall des Nostradamus – Interpretationssache. Die, die sie richtig zu deuten glauben, behaupten, „Mother Shipton“ hätte die Erfindung von Radio und Telefon vorausgesehen, ebenso motorisierte Landmaschinen und Unterseeboote – und das bereits im 17. Jahrhundert. In England blieben die Dame und ihre Visionen so populär, dass 200 Jahre später ein Seifenhersteller eines seiner Produkte nach „Mother Shipton“ benannte. Und nachdem sich der Fabrikant einen Lutzmann-Wagen von 1896 zugelegt hatte, schraubte er eine Reklametafel auf dessen Front und fuhr mit einem „Mother Shipton“-Double auf dem Beifahrersitz durch die Gassen von Manchester.

 

Jahrbuch-Autor Halwart Schrader hat die skurrile PR-Aktion recherchiert.


 

 

Zugpferd mit Opel-Motor: Der Traktor von 1918.

Der Opel, der pflügte

Die Opel-Brüder hatten immer ein Gespür für Innovationen. Daher stürzten sie sich nach dem verheerenden Großbrand auf dem Werksgelände im Jahr 1911 in ein neues Projekt. In den Agrarbetrieben Amerikas versuchten die ersten Motorpflüge, sich einen Markt zu erobern – und da wollten die Brüder vom Main nicht hinten anstehen. Noch im gleichen Jahr präsentierten sie einen ersten Opel Motorpflug, 1918 bauten sie einen kräftigen 35 PS Traktor, der dem einen oder anderen Landwirt sicher viel Freude bereitete. Wie viele Zugmaschinen tatsächlich gebaut wurden, ist jedoch nicht überliefert. Der Krieg, die deutsche Kapitulation und die Besetzung Rüsselsheims durch französische Soldaten setzten der Trekker-Produktion schon bald darauf ein Ende.

 


Der „Opel-Motor-Omnibus“ von 1899

Dass der legendäre Opel Blitz auch als Basis für gelungene Omnibus-Aufbauten diente, ist bekannt. Schließlich chauffiert der blaue Blitz-Bus von Opel Classic auch in der Gegenwart bei Standortfeierlichkeiten Besucher durchs Werk. Eckhart Bartels erinnert im Jahrbuch Opel 2018 in einem prächtigen Bilderbogen an Opel-Busse aus verschiedenen Jahrzehnten – und bewahrt ein besonderes Kleinod davor, vergessen zu werden: Mag „Wikipedia“ auch erklären, dass Benz 1895 den ersten achtsitzigen Omnibus „auf hochbeinige Räder“ stellte, der Dessauer Friedrich Lutzmann, der für Opel die ersten Fahrzeuge herstellte, hat sich schon zwei Jahre früher im öffentlichen Nahverkehr versucht. Und 1899 boten die Rüsselsheimer Brüder bereits eine Lutzmann-Konstruktion als ersten „Opel-Motor-Omnibus“ an.

Vielseitig: Eins von vielen Gesichtern, die Omnibusse auf Blitz-Basis trugen.

 

Fundsache: Info-Blatt zum Opel-Motor-Omnibus von 1899.

 

 


Ein Opel-Triebwagen und
zwei Trambusse

Ein Opel auf Schienen? Auch den gab es. In den 1930er Jahren baute das Unternehmen im Auftrag der Waggon-Fabrik Uerdingen ein Exemplar eines Schienenbusses: aus Serienteilen der Blitz-Fertigung, mit einem Lkw-Motor, der von 64 auf 50 PS gedrosselt war. Das Gefährt wurde auf Berliner IAA 1933 präsentiert, doch blieb es bei dem Einzelstück. Das „Landeskleinbahnamt“ kaufte seine Schienenbusse später anderswo, das Unikat versah ab 1934 für die Lübeck-Segeberger-Eisenbahn seinen Dienst. Keine große Zukunft beschieden war auch zwei Trambussen, an denen Opel sich 1948 versuchte, denn nach dem Krieg waren Fahrzeuge für den öffentlichen Nahverkehr gefragt. Mit Frontlenkung, Heckmotor, Unterflurtank und spezieller Sitzordnung

Einzelstück: Schienenbus, mit Teilen der Blitz-Produktion gefertigt.

orientierten sich Trambusse ander Bauweise von Straßenbahnen. Den Aufbau besorgte mit Kässbohrer ein ausgewiesener Spezialist auf dem Sektor. Obwohl die Koproduktion als gelungen angesehen wurde, verfolgte Opel das Projekt am Ende doch nicht weiter. Es fehlte an Produktionskapazitäten – und wohl auch an Begeisterung in der Geschäftsleitung.


Den Opel Monteverdi gab’s wirklich – beinahe

Was ist dran an der Legende, dass Opel Anfang der 1970er-Jahre ein Projekt mit Monteverdi plante, damals ein angesehener Hersteller von Nobelsportwagen made in Switzerland. Eckart Bartels enthüllt: Es existierte eine 30-seitige Vereinbarung zwischen den Unternehmen, der den Bau eines „Opel Monteverdi 5,4 Liter“ ins Visier nahm – und ein Design-Vorschlag. Die Ölkrise, der damit einhergehende Einbruch des Automobilmarktes sowie die Schließung der GM Montage in der Schweiz ließen die Zusammenarbeit jedoch frühzeitig scheitern.


Die Designikone Opel GT feiert 2018 ihren 50. Geburtstag.

 

Hoch sollen sie leben:
Olympia A, GT und Erhard Schnell

Das „Jahrbuch Opel 2018“ feiert zahlreiche Geburtstage – und zwei davon stehen in einer festen Beziehung zueinander. Einmal erblickte 1967 der Opel Olympia A das Licht der Welt. Mit dem Namen ließ Opel, wie zuvor schon beim Kadett, ein glorreiches Stück Vorkriegsgeschichte wieder lebendig werden. Als „feinere Ausführung des Kadett“ erregte er sogar auf der britischen Insel Aufmerksamkeit, wie ein besonders schöner Fotofund aus dem „Swinging London“ der 1970er-Jahre belegt.

 

Ein Kadett im „Swinging London“ der 1970er-Jahre.

 

1967 ist auch das Geburtsjahr der Opel-Designikone schlechthin: dem Opel GT. Ihm widmet der Band nicht nur eine schöne Geschichte von Carsten Both, er präsentiert auch neue Zahlen und Fakten, die den zahlreichen GT-Fans bislang unbekannt waren: die monatlichen Produktionszahlen, nach Modellen geordnet. Zudem feiert der Erhard Schnell, „Vater“ des GT, 90. Geburtstag. Ihm widmet das Opel-Jahrbuch kein Geburtstagsständchen von der Stange, sondern vervollständigt sein Porträt mit Zeichnungen und Aquarellen des Künstlers Schnell. 30. Geburtstag feiert im Jahr 2018 auch der offene Kadett-E aus Italien.

 

Nicht nur Designzeichnungen: Erhard Schnell betätigte sich auch schon mal als Cartoonist.