«Blind vor Groll»

 

Seit gut einer Woche war er im Altersheim. Und heute war Heiligabend. Den Plan, „einzurücken“, hatte er schon länger und stand seitdem auf der Warteliste. Heinz W. hegte bereits seit einigen Jahren einen immer schwerer werdenden Groll. Er war der reinste Griesgram geworden. Seine Kinder und Enkel besuchten ihn nicht mehr, seine Gelenke knarzten wie rostige Scharniere und ständig wollte ihm jemand am Telefon oder an der Haustür Flatrates und Home-Cinema-Pakete andrehen. Auch gegen sich hegte er Groll. Gegen seine zunehmende Müdigkeit. Gegen seine Privat-Apotheke die immer weiter expandierte. Gegen seine Frau hegte er auch Groll, weil sie zu früh die Hufe hochgerissen hatte.

Dann kam der Tag, als er den kleinen, staubigen Plastikweihnachtsbaum schmücken wollte. Vom ehemals prächtigen Arsenal an Christbaumschmuck waren eine Handvoll Kugeln übrig geblieben – weil er alles hergegeben hatte – und an der Lichterkette glimmten zittrig erbärmliche drei Lämpchen. Da reichte es ihm. Er zog ins Heim, wo er nun an diesem Heiligabend schlechtgelaunt und abseits im Gemeinschaftsraum saß. Die verbliebenen Kugeln bei sich, die ihn stets an die Personen erinnerten von denen er nicht mehr besucht wurde. Eine Pflegerin hatte alle gebeten, alten Baumschmuck mitzubringen. Und was für ein Baum es war! Eine echte, fette und dichte Tanne, die bis unter die Decke reichte. Heinz W. staunte nicht schlecht, wollte sich aber nichts anmerken lassen. Er ließ sein Gebiss im Mund einen Salto drehen, als einige Bewohner anfingen den Baum zu schmücken.

Welch wertlosen Plunder alle anschleppen, dachte er wütend. „Wollen Sie Ihre Kugeln nicht aufhängen?“ fragte ihn eine etwa gleichaltrige Dame. „Da hängt doch schon genug Tinnef“, schnaubte er. Sie lächelte mild. „Alles was dort hängt, erzählt eine lange Geschichte. Wie ist Ihre?“ Die Pflegerin schaltete die Beleuchtung des Baumes ein und Heinz W. wurde vom Glitzern und Funkeln der reichgeschmückten Tanne geblendet. Alles verschwamm zu einem Meer fröhlicher Reflektionen und Glanzlichtern. Leichtfüßig erhob er sich – die Arthrose konnte ihn mal – und hängte die Kugeln an den Baum. Als er ihn aus einiger Entfernung ansah stellte er fest, dass er seine Kugeln nicht mehr entdecken konnte. Sie waren, genau wie er, in der Gemeinschaft verschmolzen. Sein Groll war verschwunden.


Über den Autor


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Fabian Filber ist als Entwickler für Sitzbezüge im ITEZ tätig; im März diesen Jahres hat er seinen  Handwerksmeister als Fahrzeugsattler absolviert. Sein großes Hobby neben dem Hockeyspiel ist die Literatur.

Der 24-Jährige hat neben einem Roman um einen Meisterdetektiv bereits zahlreichen Erzählungen verfasst, darunter die 2014 und 2016 in der Opel Post veröffentlichten Kurzgeschichten „Das moderne Weihnachtsfest“ und „Der Fremde auf dem Pferd“.

Sein aktuell erschienenes Ebook trägt den Namen „Weihnachtszeit der Wohlstandsplauzen“ und ist bis Weihnachten als kostenloser Download erhältlich. Außerdem dieses Jahr als eBook erschienen: die Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel „Wolf unter Lämmern“. Das Autorenhonorar spendet er an die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG).


Stand Dezember 2017

Illustration: C3 Creative Code and Content